Es ist später Nachmittag, das Tageslicht wird trüber. Je dunkler es wird, desto leichter fällt mir der Anblick fremder Gesichter. Sie werden schöner, je undeutlicher sie sind. Ein vages Gesicht kann ich besser nutzen. Blieben sie so klar, wie sie es im hellsten Tageslicht sind, wären sie unbrauchbar für mich. Dann könnte meine Vorstellung keine Geschichten mehr an ihnen verüben. Und nur so ertrage ich die Menschen. Die Schattenflecken auf ihren Gesichtern sind mein Geheimnis.

Was mir das Warten erschwert, ist die Hitze hierin. Als ich das Haus verließ, war es bewölkt. Nun ist der Himmel klar und die Temperaturen sind, so sagt man doch, freundlich. Aber sie können nur freundlich sein für den, der die rechte Bekleidung trägt. Mein Rollkragenpullover ist es offenbar nicht. Für Augenblicke überkommen mich Wallungen, deren Plötzlichkeit mich so schockiert, dass ich mich sofort entkleiden möchte. Aber ich schiebe nur die Ärmelspitzen hoch, bis zu den Ellenbogen, das vermacht mir immerhin den Anschein einer Erleichterung. Meine Magenschmerzen verstärken die Hitze, die nun ausschließlich von innen kommt. Ich kann aus meinem Körper nicht hinaus. Nur aus dem Pullover, jedenfalls auf Armlänge. Meine freigelegten Unterarme sind der vergitterte Blick nach draußen, der spöttische Ausschnitt von Freiheit für den Inhaftierten.

Ob diese Metapher für das, was man einen Arztbesuch nennt, zulässig ist? Aber es ist kein Arztbesuch, ich besuche niemanden. Eher ist es eine mechanische Einweisung, die meine Unfähigkeit, mein Leiden auszuhalten, ärztlich beglaubigen, also offiziell entschuldigen soll. Ich bitte nicht darum, ich verlange es. Ich bin zur Getriebenen geworden, seit ich über meine Schmerzen nicht mehr reflexiv verfüge.

 

Das Gesicht der Arzthelferin ist von einer seltsamen Blässe. Es mag sich über die Zeit, die sie hier ist, den Wänden anpassen. Ein Sonntagsgesicht, die Entfernung zwischen zwei echten, lebendigen Gesichtern. In diesen Räumen scheint es, als wäre es im Schlaf. Ob es draußen ein anderes ist, ein farbiges? Hierin ist es weiß. My heart is of your colour; but I shame to wear a face so white. Ein feines Gesicht, aber ohne Intimität. Ohne Schande, ohne Scham. Ich sehe mich darin nicht wieder. Ein trostloses Windengewächs. Vielleicht ein heimliches Gesicht, eine belle de nuit.

Ihr blondes Haar ist straff nach hinten gezogen, in einem strengen Knäuel gebunden. Eine Berufsfrisur, gewiss. Allein – Arzthelferinnen haben nicht nur eine medizinische oder verwaltende Funktion, auch eine menschliche. An dem blonden, bubenhaften – oder doch eher geschlechtslosen Mädchen aber erfährt die Strenge der Frisur keine Resonanz in einer Sanftmut des Gesichts. Diese Sanftmut ist ihm fremd. Hier hat das Haar keinen Kontakt zu dem mageren Gesicht. Und so bleibt auch der unausgesprochene, gestische Kontakt zu den Patienten aus.

Hart bedient sie die Tastatur, während sie wie ein toter Engel auf den Monitor starrt. Als machte das Tippen hörbar, wovon ihr Gesicht nichts zeigt: eine anwesende Frau. Eine wohl arbeitende Frau. Ob sie sich selbst darauf hinweisen muss? Ihr zurückgezogenes Gesicht, das vielleicht doch etwas zeigt: sie hat kein Vertrauen in wartende Menschen. Als sei es ihr unheimlich, wie wehrlos man die Zeit erdulden kann. Sie stöhnt unangenehm auf, ein trotziges Seufzen. Für einen Augenblick ist sie privat hier.

 

Ich will in den Zeitschriften nicht herumlesen. Wie viele kranke Menschen müssen darin geblättert haben. Apothekerzeitschriften, die mir vormachen, auch als Kranke sei ich integriert in eine Gesellschaft, die ich selbst in gesundem Zustand meide. Ich kann die Zeit nicht wegblättern, ich muss sie aushalten. Die Wartezeit, die eine stimmlose Zeit ist, erlebe ich so intensiv wie alle weitere Zeit, wie einen Spaziergang, ein Gespräch, wie einen Film oder die berufliche Konzentration. Später aber werde ich nicht mehr wissen, wie ich die Zeit verbracht habe. Auch das Warten ist aktiv, aber es ist eine verborgene Aktivität, eine, die man nicht mitteilen kann. Daher bleibt sie stumm. Sie ist so verloren wie jede Zeit, aber sie ist es auf ehrliche Weise. Ich werde sie später nicht schöpferisch nacherzählen, ihre Erinnerung wird nicht auch Erfindung sein, im Gegenteil: Wann immer ich von ihr berichten werde, werde ich sie reduzieren. Ich werde sagen: Ich habe gewartet. Was ich erlebt habe, wird einmalig bleiben. Die Blüte, die sich zum Trichter entwickelt, wird verwelkt sein, wenn das Warten vorbei ist. Eine belle de jour.

Eine Stunde warte ich nun, aber es ist ganz gleich, ob es eine Stunde oder zwei sind, ob ich drei oder vier zu warten habe. Wenn man nicht umgehend aufgerufen wird, wenn man nicht, sobald man eintrifft, behandelt wird, sitzt man bereits in Haft. Und das Faktum der Haft, nämlich: gesessen zu haben, kann man nicht relativieren mit einer beliebigen Anzahl von Zeiteinheiten, die man mehr oder weniger gesessen hat. Man wurde gefasst, das ist alles, worauf es ankommt. Man ist nicht entkommen.

 

Die Abfolge von Vorstellungen, die ich während des Wartens habe, sind keine Simulation wirklichen Lebens. Sie sind die Scharniere zwischen der Echtheit und der Simulation. Denn ob ich mit einem Buch, mit Sport oder, wenn man so will, dem Warten beschäftigt bin, es lenkt mich von meinen Magenschmerzen ab. Sie sind nicht präsent, wenn ich mich durchs Wartezimmer hindurchassoziiere. Jetzt, wo ich sie auch in der Vorstellung thematisiere, spüre ich sie wieder, die krampfartigen Umwälzungen. Ich weiß nicht einmal, ob es Magenschmerzen sind. Vielleicht kommt der Schmerz vom Darm her, ich kann zwischen den Organen nicht immer unterscheiden. Immerhin gibt es für organische Schmerzen Fachpersonal, Ärzte also, die diese Unterscheidung für mich übernehmen. Ein unangenehmer Reiz: Ich muss mich einem fremden Auge überlassen, einem fremden Tastsinn. Auch einer fremden Intuition, einem fremden Urteil. Ob ich es zu meinem machen kann? Nur in der Vorstellung personalisiere ich das Anonyme, nur dort bestimme ich das Fremde. Aber auch dort bleibt mir der Nadir des Unbekannten unbegehbar.

 

Eine ältere Dame, vom Mantel noch überzogen, als sei sie um ihre Aufnahme unsicher, stellt sich zaghaft an den Tresen. Sie bleibt stehen und wartet, sie hüstelt nicht, sagt auch ihren Namen nicht auf, als sei eine Arztpraxis das zeitlose Versprechen, wahrgenommen zu werden. Ihr Stand ist mürbe, die Knie sind leicht eingeknickt, der Mantel zeichnet den gekrümmten Rücken nach; hilflos vertraut sie auf das Versprechen. Die Arzthelferin blickt von ihrem Monitor nicht auf. Sie hat aber die potenzielle Patientin schon wahrgenommen, ihr Blick ist fester geworden, ihre Finger gehen hastiger über die Tastatur. Etwas in ihr will die Patientin wahrnehmen, aber sie ist nicht Abruf verfügbar, dessen muss sie sich erst versichern. Die ältere Dame scheint intuitiv davon unterrichtet, sie nimmt ihre Krankenkarte aus ihrer kleinen Handtasche und beruhigt ihren Blick in den Prospektauslagen vor dem Tresen. Ob es wirklich eine Beruhigung ist? Brustkrebs, Darmkrebs, Hautkrebs, Demenz – fehlte nur noch ein Prospekt zur Altersarmut und sie wüsste vollständig, womit sie von der Gesellschaft für gewöhnlich identifiziert wird. Ein Menschenleben in Prospekten, in Flyern – in einer Arztpraxis wird man beinahe zwangsweise zur Hypochondrie erzogen. Nirgends fühlt man sich ferner von der Gesundheit, als eingemauert von diesen Prospekten und den Plakaten an der Wand und den unzähligen Ausgaben der Apothekerzeitschriften. Nirgends ist die Dichotomie zwischen Gesundheit und Krankheit deutlicher. Eine Zwischenzone gibt es nicht mehr. Das Selbstgefühl wird im Wartezimmer einer Arztpraxis nahezu ausgelöscht.

Die ältere Dame, ihre Präsenz war nicht mehr zu leugnen, wurde nun aufgenommen. Vorsichtig betritt sie das Wartezimmer und grüßt, als wolle sie nicht stören, leise hinein. Sie nimmt einen Platz am Fenster, den Mantel behält sie an. Nun sitzt sie da, wie sie vorher am Tresen gestanden hat: die Hände nah am Körper, den Kopf leicht vornüber gebeugt, die Beine streng angewinkelt, die Füße unter den Stuhl gezogen; vielleicht in der Hoffnung, bald in sich selbst zu verschwinden. Für einen Augenblick möchte ich ihr folgen, mit hinein in diesen Körper.

 

Die Alterung übergehen, indem ich aus meinem in ihren Körper springe. Aus einem jungen in einen alten. Welche Reize würden mir dadurch verloren gehen, welche würden neu erworben? Ich habe eine Neugier aufs Alter, aber keine Sehnsucht danach. Von den Prospekten weiß ich, dass ich auch innerlich schrumpeln werde. Ich werde schrumpfen, weil meine Organe ausfallen und mein Körper nicht weiß, was er mit dem leeren Raum anfangen soll; daher zieht er sich zusammen. Aber es wird keine Verdichtung sein. Die Zuversicht wird schwinden, weil ich immer weniger darauf werde vertrauen können: das wird schon alles irgendwie halten. Es wird ja nicht halten, man weiß es. Ich werde nicht halten, ich werde vergehen. Alles Heran- und Herausgebildete wird sich herunterbilden, aber dann ist es keine Bildung mehr, sondern nur noch Verfall. Ich werde verfallen. Aber das ist keine Erkenntnis, das ist nur der Kitsch einer Vorstellung vom Altern. Ich kann fühlen, was altern bedeutet, aber ich kann es nicht analysieren. Es gibt auch keinen Ursprung, an dem das Altern klar erkennbar beginnt. Während ich altere, wachse ich zugleich. Und umgekehrt. Es ist unsinnig, das Altern mit solch vorgeblich dialektischen Überlegungen sprachlich einfassen zu wollen. Ich kann es mir mit Sprachspielen nicht verständlich machen. Spüren kann ich es, momentweise, im Anblick einer alten Frau. Ihren Mantel hat sie nun aufgeknöpft, darunter trägt sie ein dünnes, beigefarbenes Hemd. Ich kann im Augenblick, da mich die Hitze so bedrängt, nicht nachempfinden, weshalb sie ihren Mantel nicht ablegt. Vielleicht hat man im Alter das gelernt: Temperaturen zu trotzen. Aber das ist auch nur eine pubertäre Idee vom Altern.

 

[...]

28.1.13 14:48

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