Muttern

 

 

 

Meine Mutter, deren Mutter eine Putzstelle im Regierungsgebäude sozusagen inne oder jedenfalls nicht zu veräußern gewusst hatte, übrigens besorgt von deren Mutter, um die Familienehre, die mit der gewissenlosen Lebensführung der Urgroßmutter meiner Mutter verloren gegangen war, wieder herzustellen, das heißt aufs Schönste oder mindestens aufs Geringste neu zu erzeugen, weil das Ansehen in meiner Familie mütterlicherseits einen ganz außerordentlichen Stellenwert hat, sah sich in keinem sonderlich liebevollen Verhältnis zu eben dieser Urgroßmutter, und das nicht allein ihrem Stande wegen, der mit einer zügigeren Lebensführung und weniger glücklosen Entscheidungen derselben wohl – um unbedingt im Bild zu bleiben – einige Stufen unter ihr wäre, sondern, wie sie sich fortwährend, etwa in jenen Momenten, da sie in meinem Verhalten eine Parodie auf diese zu erkennen glaubte, zu sagen veranlasst meinte, da ihr ihre Nase nicht gefiel, was ich zweifellos als eine Aussage im übertragenen, das heißt poetisch verklärenden Sinne zu deuten habe, denn schaut man sich die Nase meiner Ururgroßmutter einmal genauer an, und das passiert in unserem Hause gelegentlich, da ein Portrait von ihr, angefertigt übrigens von ihrer Mutter, die eine ungewöhnliche Begabung in der innerfamiliären Portraitanfertigung nicht anständig zu verheimlichen geschafft hatte, in unserem Flure hängt, durch den noch, das will ich so träumerisch sagen, der Duft unserer Ahnen fleucht, den die Großmutter meiner Großmutter gewiss allzu gern in ihren zweifelhaften Riecher aufgesogen hätte – denn trotz aller ungeschickten Lebensführung empfand sie sich der Familie, die eben dieselbe streng missachtete, eklatant verbunden –, so ist doch ein ausnehmend hübsches Näschen zu erkennen, das ihrem metaphorischen, ich konnte es anzudeuten mir nicht versagen, einiges voraushatte, das meiner Urgroßmutter wiederum in erklecklichem Maße zugeronnen war und das sich, das in die Wege zu leiten war ihr die allerrechteste Beschäftigung, sowohl auf meine Großmutter als auch auf meine Mutter gewissermaßen übertrug. Hierbei ist der unabhängige Verweis anzubringen, dass ich dem Bilde meiner Ururgroßmutter, dem ich oft staunend vorgesessen, nicht allein ihrem aparten Näschen wegen verbunden bin, sondern, und hier nun keimt das Übel dieser Offenbarungsklamotte, ihr in vielerlei Beziehung mich zu ähneln meine, was übrigens nicht nur meine, sondern auch die Vermutung meiner Mutter und gewiss noch deren Mutter ist, was mir den Rufnamen „Urgroßmutter“ eingebracht hat, mit dem meine Mutter mich auffallend häufig und auffallend missgestimmt zu allerlei Angelegenheiten herzumahnen die Neigung hat. Nun kann ich freilich nicht über mangelnde Zuneigung klagen, aber es sei mir das Geständnis zugestanden, dass sich darüber für mich kaum klagen ließe, gar da ich’s mir wohl wünsche, ja allerheimlichst wünschen muss, angesichts der manischen Anwesenheitsermächtigung meiner Mutter, die nur alles dafür will, aus ihrer tochterlichen „Urgroßmutter“, die von dieser mütterlichen Erziehungsmotivik entsetzlich irritiert ist, eine großmütterliche Tochter zu machen, was ich mir, hiermit sei das Geständnis dann ausgestanden, weder für meine jetzige noch für künftige Situationen vorstellen, will heißen aufhalsen kann.

 

Hier entwickelt sich nun ein forscher Ton in meiner Brust, ich spüre meine Jugend in ihr trommeln, es ist ein Trommeln auch gegen die umständlichen Kleider und gegen die strickmusterhaften Worte meiner Mutter, gegen dieses vulgäre Verfahren der Vereinnahmung, gegen den Frieden, den ich zu bewahren mich durch Anpassungsprozeduren der schrecklichsten Art gezwungen sehe, es ist aber auch ein wahlloses, ein willkürliches Trommeln, eines, das keine Konventionen, keine Regeln, das keine Gegnerschaft kennt, keinen Anlass und keine Motivation, ein Trommeln, das nur des Trommelns wegen in meiner Brust schlägt, ein Trommeln, das mich ganz ratlos, aber auch glücklich macht, oder wie sollte ich sonst das Gefühl benennen, endlich einmal außerhalb der Worte meiner Mutter sprechen zu können. Hier kann ich es! Hier darf ich, hier muss ich es! Nämlich Mensch sein. Nun ist so viel Freiheitsgerede naturgemäß gelogen, denn von Freiheit, die übertrieben vorsichtige Andeutung meiner familiären Situation mütterlicherseits hat es dargelegt, verstehe ich nicht viel, gar allzu wenig, als davon berichten zu können. Es ist mir aber eine große Leidenschaft geworden, Zusammenhänge anzurufen, die ich nicht kenne. Ich habe das lange Zeit bedauert, es ist beinahe unmöglich, etwas berechtigt und daraufhin gar wunderbar und rein zu finden, was durch kein Wort und durch keine Handlung seitens der elterlichen Gegebenheiten legitimiert ist. Hierzu sei das Beispiel der Masturbation zumindest angedeutet, wenn ich von dessen Ausarbeitung auch gewissenhaft Abstand nehmen möchte, immerhin ist meine Sexualität mehr l'art pour l'art. Und so rede ich gern von Freiheit, auch von Kühnheit und von Mut, von der Sprengung aller Ketten, um meiner weiteren Leidenschaft Auslauf zu geben, das pompöse, dadurch aber nicht unwahrhafte Pathos in jenem Raum auszustellen, den meine Mutter ihm, ich will vermuten: aus anständigen Gründen, allezeit zustellt. Das heißt, eigentlich rede ich gar nicht, das meiste ist in ein (bestechliches) Ja oder Nein fügbar, und dieses imaginäre Reden lässt sich nur im Schreiben tun. Wie sich so vieles im Schreiben dartun lässt; ich kann hier allem, das mir in meiner (natürlich innerlichen!) Abgeschiedenheit so fern ist, Namen geben; ich kann hier verteufeln und lobpreisen, anders ist die irdische Monotonie auch kaum zu erleiden; hier lässt sich Mutter auch anders sagen; hier lässt sich, lobpreisend, Viktoria oder, verteufelnd, Dagmar sagen, hier lässt sich vereinfachen und komplexer machen, hier, im Schreiben, ist Leben wirklich Leben und nicht nur das Austragen von Zugetragenem, hier wird aus dem Hin- ein Annehmen, aus dem Erleiden ein Erdulden. Hier kann ich endlich ganz im Unglück sein. Da mir die Mitteilung eines solchen bisweilen kolossale Freuden zubringt, schreibe ich gelegentlich Briefe in alle Welt, ich adressiere sie an wohlklingende Namen und ebensolche Adressen, hinterlasse jedoch keinen Absender, da eine (wahrscheinliche) Rücksendung unangenehmste Erklärungsnöte gegenüber meinem armen Mütterchen mit sich brächte. Hier ein Auszug aus einem der älteren Briefe, adressiert an einen gewissen Takeshi Takeda, irgendwo in Kobe:

 

„Hallo Brüderchen,

 

befinde mich im Kellerloch und zeichne meine neuerliche Kränklichkeit auf. Die Beschimpfungen in deiner letzten Replik waren enttäuschend, ernüchternd, unverständlich. Werde sie bei Gelegenheit an Muttern weiterreichen. Aber ich verzeihe dir, bist du doch alles, was ich noch habe an dieser kranken, kruden, krustigen Welt. Küsschen, Küsschen! Deine Gedichte haben mir sehr gefallen, du solltest sie ganz unbedingt öffentlich machen, vielleicht in einem Krankenzimmer, vor tattrigen Damen im Sterbemodus – wie will man denen helfen, wenn nicht so! Bin selbst schon ganz tattrig, fahrig, verliebt ins Nichts. Sag deiner Tante, ihre Blumen hätten mich aufgeheitert, für die Wahrheit ist es noch zu früh. […]

War letzthin auf einer Beerdigung, kannte den Verstorbenen gar nicht. Gab mich als dessen uneheliche Tochter aus, sorgte für gewisse Verstimmung bei seiner Witwe. Kann sie denn nicht ahnen, wie sehr mich ihre unbotmäßige Aufgebrachtheit kränkte! Sie war unanständig hässlich in ihrer Verwirrung. Fühle mich von allem fortgestoßen. Lege doch bitte die Decken der Nachsicht um mich, sonst friere ich mich noch zu Tode. Zu Tode!

Hast du auch fleißig das Büchlein studiert, das ich dir schickte? Blättere nicht nur hindurch, studiere es auch! Wo lässt sich das Leben besser erlernen als in einem Wörterbuch? Sag du es mir. Vielleicht in einem fehlerfreien Satz. Nur zu, mein kleines, seidenes Vögelchen. Hadere nicht!

 

Meteum stapende miputo et cela micrande – [Weckt nicht die Müden, sie sengen im Schlaf ihre Flügel]

 

Dein filigranes Florentinchen

 

P.S.: Will aus dem Leben scheiden. Weiß noch nicht, wie. Aber schick nicht wieder Arnika, hilft nicht.“

 

Sich aus einer erzwungenen Zusammenkunft, die mit Gemeinschaft gemein nicht viel hat, in dem Sinne auszugliedern, als man einer willkürlichen Reihe nach alle Gliedmaßen von sich abtrennt, bis nur mehr ein nervöses, amtsmüdes Herz auf dem Boden des Kellerlochs flackert, ist, angesichts des Lebenszwangs, der von den oberen Häuptern der familiären Körperschaft in unheilvolle Gebote korsettiert wird, nicht gar so einfach, als es die nächtlichen ebenso wie die täglichen Träumereien verheißen. Die Brotmesser, ich bemühe hier nur eines von unzähligen Beispielen, sind in den Hängeschränken gelagert, an deren oberste Regale ich ja nicht hinankomme! Und auf einen Stuhl oder einen Sessel zu steigen, auch von Schuhwerk unbekleidet, das dürft ich doch Muttern nicht antun! Die würde doch, an welchem Ort sie sich auch befände, instinktiv tot umfallen, noch bevor ich das Messerchen rechtens ansetzen könnte! Dies ließ mir die Einsicht zukommen, heimliche Lebenslust sei in meiner Situation die geschicktere Lebensweise. Dieses inkognito mit mir geführte Entzücken am Dasein war bald Anlass genug, mich auf die Suche nach meiner Ururgroßmutter zu machen, nach einer Ururgroßmutter, wie ich sie brauchte und wünschte, und ein Frevel, der hier denkt, dies sei die Suche nach mir selbst gewesen!

Wie nun war Begegnung mit ihr zu schaffen? Gewiss, es waren ihr Briefe zu schreiben. Aber dazu lasse man mich später kommen. Nun hatte ich endlich eine Aufgabe, mit mir verband sich eine geheime Notwendigkeit, ich hatte Nachforschungen anzustellen! Und mit welcher Hingabe dieses Sätzchen in mich stieß, wie es dort schnaufte und sich setzte! Auf nunmehr alle Fragen, die sich mir, von mütterlicher Seite herkommend, darboten, und viele waren es nicht und untereinander unterschieden sie sich auch kaum – denn das Hauptmotiv ihrer Fragen lässt sich kurzfassen: „Was gedenket das Fräulein, das doch nicht etwa zwischen dem angesparten Meublement herumfaulen möchte, zu tun?“ –, so antwortete ich stets und mit dem Flair ironischer Inbrunst: „Ich habe Nachforschungen anzustellen! Madame!“ Und dann verschwand ich, bevor mir ein solches Vorhaben als „herumfaulen“ hätte ausgelegt werden können, in den Verwinkelungen unserer Behausung.

 

Ich saß im Kellerloch, die Ellbogen auf die in den Schneidersitz gedrungenen Beine gestützt, und ließ Ururgroßmutters Portrait vor meine abgehalfterte, neugierige, schwarz-weiße Seele treten: Wie schön sie war! Ihre Augen waren, im deutlichen Gegensatz zu denen der mir sonst bekannten Familienmitglieder, braun und weich, aber die Falten in den spitzen Ausläufen derselben bauten ein dezentes, gleichwohl erkennbares Spannungsfeld auf, durch das sich ihr Blick, wenn er den weichen Augenmund verließ, eine sichtliche Spitzfindigkeit, ein untrügliches Gewissen und geistige Frische erwarb. Ihre Ohren waren etwas größer, als noch dem Durchschnitt zugerechnet werden zu können, standen aber nicht übermäßig weit ab und schlossen auch nicht direkt an den Anlauf des Unterkiefers an, fanden vielmehr durch fleischige Ohrläppchen einen beinahe kreolenhaften Abschluss. Kinn und Lippen eher geschwungen, ohne indes den Charakter einer Kleinmädchenschrift zu erlangen. Ich sah mich fest an ihrem Anblick, wollte mich diesem in der erdenklichsten Weise nähern und – biss hinein; so saß ich da, im Schneidersitz auf dem Kellerboden und entschlossen in die Luft beißend. Mein fester Blick schob sich durch den Raum, der nicht viel hergab, bis auf ein paar wenige kartonierte Behältnisse, in die ich, wie mir jetzt einfiel, bisher nie gesehen hatte. Ich erhob mich und ging vagen, unsicheren Laufes – man stelle sich ein eben erst geborenes Rehkitz vor – ans familiäre Erinnerungsreservoir; in jedem Karton Blätter, geordnet und ungeordnet, in diversen Manieren handbeschrieben, und die Lage übergoss mich mit einer nicht gerade sparsamen Ration Scham; wie ein beschämter Pudel also griff ich in die erste Kartonage und zog einige Blätter hervor. Mit besagter Scham verhangener Widerwille zappelte unverschämt in mir herum; eine neue in mir erwachsende Wirklichkeit trotzte ihm und allem, was da noch kommen sollte. Mehr als meine situative Dreistigkeit irritierte mich das Datum, das der ersten Aufzeichnung, die ich mir ansah, vorangestellt war. Es war zwar, wie die gesamte Aufzeichnung, schwer verblasst und nur mühsam entzifferbar, aber doch zu erkennen und lag beinahe ein Jahrhundert zurück. Mir stiegen wohl winzige, stäubchengroße Tränen in die Augen, es erklomm mich die tiefste Ergriffenheit angesichts eines Zeitdokuments solcher Bejahrtheit. Indes las sich dieses mit der Verflüssigung meiner Ergriffenheit noch schlechter, so wischte ich mir den Staub aus dem Gesicht und begann, die Anmerkungen meines Ururgroßvaters zu lesen.

 

„18.10.1912

 

Dieses Weib ist immer weniger zu erklären. Heute kauft es Blumen, mit denen es die Wände des Schlafzimmers behängen will, statt mit ihnen die Wohnlichkeit des Gästezimmers aufzubessern. Wie soll ich so noch in einen gerechten Schlaf kommen! Madame gibt darauf nur ein Lachen, überhaupt lacht sie vermehrt und wie selten den Situationen angemessen. Dennoch gelingt es mir, sie weiter zu lieben. Denn ihr Lachen ist selten abschätzig und von behaglicher Wärme, als wolle sie die anbrechende Kälte überdecken, als lache sie willensstark und mit zärtlichem Trotz in den Winter hinein. Die Butzlaffs, die immer seltener zu Besuch kommen, fragten mich letzthin, ob mit meiner Frau noch alles 'stimme'. Was für ein unsäglicher Moment. Gewiss stimme noch alles mit ihr, sagte ich so rüde, als die entzündete Stille das dickliche Metzgerpärchen zum Gehen einlud. Aber stimmt wirklich noch alles mit ihr? Sie ist noch immer so schön als einst, wenn mit zunehmendem Alter auch auf andere Weise, und manchmal von blitzartiger Klugheit – aber wie selten passen die üblichen Elemente an ihr noch zueinander. Wenn auch nicht mehr alles angemessen an ihr gestimmt sein mag, ihr Dasein ist noch immer voller Musik. Nur über das Schlafzimmer muss geredet werden, sonst tönt's bald Gebrause.“

 

Hierauf beschloss ich, zu sterben. Es gelang zunächst nicht. Einmal stand mir die Kaprice der Lebensfreude im Wege, die zu erwähnen mir übrigens schon auf den vorigen Seiten glückte, einmal aber auch die investigative Pflicht, hier, im Tümpel der Erkenntnis, nicht schon aufzugeben, mich nicht meiner biologischen Schlappheit zu ergeben, mich nicht dem Vorbehalt, der mir eine nähere Untersuchung meiner familiären Konnexionen versagt hätte, auszuliefern, sondern weiterzugraben, zu forschen und zu fahnden nach den Urursachen meines zerebralen, das heißt meines seelischen und psychischen, will sagen meines übersinnlichen Fiaskos. Irgendwo in diesen Aufzeichnungen musste sie verborgen sein: die Wahrheit. Nicht eine formale, nicht eine logische oder eine mathematische, auch keine universitäre Wahrheit, sondern eine sozusagen praktische, anwendbare, eine Lebenswahrheit. Der philosophische Laie, nämlich der Esoteriker unter meinen Lesern, wird noch am ehesten verstehen, welchen Grundgedanken zu formulieren ich mich hier mühsam anstrenge. Die Wahrheit, ist sie eine metaphysische, kann nur eine trockene, eine immer auffindbare und offensichtliche sein; ich aber meine eine latente, eine unsichtbare, eine, die weniger eine Identifikation der Vorstellungs- mit der realen Welt ist, als vielmehr eine, die ein Geheimnis ist, ein immerwährendes Rätsel, eine andauernd embryonale Wahrheit. Sozusagen eine potenzielle Wahrheit. Bevor mir hier aber das Missgeschick, das heißt die Frechheit unterläuft, einen unmöglichen Ernst abzugelten, will ich aus weiteren Briefen zitieren. Immerhin verspreche ich mir davon Einsicht in eine formidable Aussicht.

 

„21. Februar 1914

 

Helene ist, als Mutter nicht weniger denn als Ehefrau, heruntergekommen. Ein wirres, welkes Weib. Ohne Glanz, ohne den Schimmer des Schönen, ohne Scherz in der Visage. Wie viel bedrückender, angesichts dieses Verfalls, ist doch die Vermutung, ich möge dennoch vor ihr das Zeitliche segnen, nämlich sterben. Das wäre nicht zu verstehen. Wie trübe baumelt sie doch in der Hängematte der Zeit. Und wie lebhaft dagegen ich! Womöglich aber verkenne ich ihr Geheimnis: dasjenige der inneren Ruhe, die ein körperliches Fortdauern auch über die bekannte Zeit hin ermöglicht. Es bleibt wohl einzusehen, dass sie vor mir die Einsicht erreichte, ein dauerndes Abzappeln an den Belanglosigkeiten des Alltags sei dem biologischen Fortbestand doch eher hinderlich.

Aber wie haben sich die Umstände nur gekehrt in den Jahren. Meine frühere Diskretion habe ich ganz und gar aufgegeben, wohingegen sie, die einst so impulsiv gewesen war, so unbedingt lebenskräftig, nunmehr in einer seelischen Stille zu einer Souveränität findet, an der ich sie kaum noch erkenne.

Gleichviel! Wir werden noch sehen, wem von uns beiden das glücklichere Leben gelang.“

 

Dieser Ausschnitt, den sprachwissenschaftlich zu analysieren anderen überlassen ist, hatte geradezu erkenntnistheoretischen Wert für mich, was ich mit Vorsicht sage, auch wenn ich nicht darum bettle, man möge mir Nachsicht überweisen ob meines laxen Umgangs mit philosophischen Begriffen. Ich war auf der Suche nach der Einen, der Ersten, Allerersten – nach der Sinnwurzel meines Stammbaums, auf dessen Krone ich mich als den Goldschimmer wähnte, und was ich aber fand: das war der Andere, der Nächste, Allernächste – mein Ururgroßvater, das Fettauge auf der Suppe meiner Genealogie. Es war mir einiges nachzuholen, insbesondere das Mittagessen, dessen Einnahme ich, während ich im Kellerraum meine Zeit veredelte, vernachlässigt hatte. Der Abhub aufs Mittagessen aber verhinderte mir nicht den Blick auf mein eigentliches Versagen: die Ignoranz, die ich gegenüber allem Männlichen bewiesen hatte. Umgehend beglückwünschte ich mich, etwa zu der Geschicklichkeit, mit der ich irre. Dummerchen!, neckte ich mich und sprach mir nicht gleich, wie es Muttern gemäßer gewesen wäre, eine Rüge aus. Zur Strafe setzte ich das Mittagessen aus, so viel Strenge schien mir angemessen. Es war möglich, dass ich, während ich mir das Verbot der zeitnahen Nahrungszufuhr aufsagte, mein Unterbewusstsein zitiert habe, immerhin war eben noch der Ururgroßvater Gegenstand meiner erinnernden Rückbeugung, und neben seinen geistigen Eigentümlichkeiten, denen in unserer Familie ein Ruf von zweifelhaftem Ansehen bei ist, trat mir auch seine körperliche Erscheinung unmittelbar vor die Seele – beziehungsweise, wenn ich mich verbessern darf, mittelbar, da mir dieselbe nur von Photographien her bekannt war – und sogleich stand mir ein absonderliches Abdomen vor Augen, dass ich einen Globus aus synthetischem Gummi assoziierte, der nicht mehr die volle Spannung besitzt, und diesen Anblick beim allmorgendlichen Posen vor dem Spiegel furios fürchtend, war die Entscheidung gegen das Mittagessen eine Entscheidung auf mehreren Ebenen, wobei diese nicht im Widerstreit, sondern im Einklang standen, etwa mit sich selbst.

Aber diese – man kann es nur so sagen – mittelbare Begegnung mit meinem Ururgroßvater, deren Ereignisqualität die der vorigen sämtlich überragte, wies mich auf zwei Aspekte meines begnadeten Soseins hin, die mir zuvor nur vage durchs Gemüt gezogen waren, hierdurch aber konkretisiert wurden. Zum einen dachte ich ans besagte Spiegelbild, das mir, sobald ich den Gedanken an meine maskenhafte Schönheit überwunden hatte, unleugbare Assoziationen zum Gesicht meiner Ururgroßmutter vorschlug. Je deutlicher mir diese sozusagen natürliche Verwandtschaft geworden war, je mehr ich auch Gefallen an dem Gedanken gefunden hatte, in meinem Gesicht ließe sich die Idee einer Ahnenschaft erblicken, desto seltener besah ich mir das Portrait, das ich eingangs – in der mir eigenen Fabulierkunst – beschrieben habe. Hier nun aber, im Krankenzimmer meines Geistes, nämlich im Keller, dem Gedächtnis aller Familien, las ich die Großmutter der Mutter meiner Mutter beschrieben von einem Manne, der ihre Anwesenheit Tag für Tag erduldet hatte. Auch diese Aufzeichnungen, die mir nun wie ein heimlicher Brief an die Ururenkelin erschienen, gaben mir ein Bild von ihr nur mittelbar. Wo immer ich also auf sie traf – ob im Bild, im Wort, in meinem Gesicht –, dort war sie bereits übersetzt, war sie einige Stufen auf der Treppe der Entfremdung schon gegangen, und nie bekam ich sie wahrhaftig zu sehen. Es war mir ein Moment der Ernüchterung. Einmal deshalb, da hier die Wahrhaftigkeit mit der Leibhaftigkeit untrennbar verbunden war, wohingegen ich allezeit die Idee der Idee besungen hatte; und einmal aus Gründen grundsätzlicher Unüberbrückbarkeit: in welchen Momenten ich sie künftig auch anriefe, es würde mir nur eine von meinem eigenen Bewusstsein durchsetzte Präsenz erscheinen. Sie war mir nicht präsent gewesen, wie ich es all die Jahre so fest geglaubt hatte; ich war mir nur selber präsent gewesen und übertrug dasjenige, das ich nicht verstand, das vom Rationalen ins Atmosphärische überging und sich dort meinen Begriffen entzog, in die Vorstellung einer Frau, die all das Unverstandene verkörperte. Darin konnte ich es verwirklichen und legitimieren. Nun sollte ich mir, für das Ausplaudern einer Erkenntnis, die vom Leser geleistet werden müsste, auch jedes kommende Mittagessen noch versagen. Das allerdings ließe sich weder vereinbaren mit meiner biologischen Tradition noch mit den Gepflogenheiten in unserem Hause. Dennoch will ich auch den zweiten Aspekt noch formulieren.

 

Denn zum anderen dachte ich in besonderer Weise an meinen Ururgroßvater, den ich, solang mir das Denken gegeben war, immer nur schlecht beurteilt hatte, wobei sich das Prädikat 'schlecht', das ich gleich noch erläutern möchte, sowohl auf die ihm von meinem juvenilen Richterspruch zugewiesene Eigenschaftlichkeit, die ihn beinahe in unbedingte Gleichheit zu einem besonders schrecklichen Tier, einem Untier, sagen wir: einem Werwolf setzte, als auch auf die Qualität dieses Urteils selbst bezog. Dereinst hatte ich, im Zuge meiner schriftlichen Neigung, ein übernommenes Urteil über ihn im Tagebuch festgehalten. Hierin war alles Übel. Denn jedes Urteil, das ich schriftlich versetze, verhindert mir auf Jahre hin einen Neuanfang, eine von Grund auf neue Beschäftigung mit allem, das unter ein solches Urteil kam, denn die Schroffheit, mit der ich geurteilt habe, versagt mir die Neugier, und insgleichen die Offenheit, die einen Neuanfang erst möglich machen. Hier ist es mit meinem Ururgroßvater wie mit Büchern, in die ich, einmal hineingesehen und für untauglich befunden, auf Jahre hinaus kein zweites Mal sehe und den Neubeginn erst wage, wenn ich das erste Urteil ganz ausgezehrt habe, wenn ich von demselben ganz müde geworden bin.

Bezüglich meines Ururgroßvaters war es, im Gegensatz zu den Büchern, die immer nur zu mir und zu niemand anderem eine Beziehung hatten, sehr viel schwieriger, über das einmal gefällte Urteil müde zu werden. Denn es war nicht mein eigenes. Was ich an Urteil mit mir herumführte, war ein Konzentrat aus den Urteilen der gesamten Familie, die sich zwar in den diversen Ausschmückungen, in den Stufen der Strenge, nicht jedoch im Wesen unterschieden. Im Grunde genommen war auch dieses Konzentrat nur ein Surrogat eines echten Urteils, denn es war ganz ohne Begründung, es war eine Art Luftschloss, dessen Konturen, dessen architektonische Eigenheiten zwar herausgebildet waren, das aber ohne Fundament und so nur eine Idee meines Ururgroßvaters blieb, und übrigens eine ganz verkommene.

 

Jeder in unserer Familie – und damit beziehe ich allen männlichen Abwurf ausdrücklich mit ein (d.h. auch meinen Vater – Grüße!) – wird, wofern er das Unglück erleidet, auf meinen Ururgroßvater angesprochen zu werden, noch bevor er eine Auskunft erteilt, die – je nach Geschlecht rechte oder linke – Augenbraue erheben und zunächst die in unserer Familie hoch angesehene Kunst des Seufzens exerzieren, was vom mitleidig-piepsigen über den ignorant gezischten bis hin zum brummig gebratzten Seufzer geht. Ich für meine jugendliche Erscheinung bevorzuge den angejodelten Gaumenschwinger, dessen Rezeptur ich hier allerdings verschweigen muss, will mich aber, mit Übertritt in die Adoleszenz, am geseufzten Veitstanz probieren, was mir eine ganz außerordentliche Herausforderung scheint. Ist diese Kunst einmal aufs Höchste vorgeführt und wurde dieselbe angemessen rezipiert, etwa durch einen gegengeseufzten Laut der Abschätzung, der in unserer Familie zumal den Wert einer Abständigkeit besitzt, kommt es zur Sprache. Im Laufe der Zeit haben sich ehemals originäre Meinungen zu kultivierten Kodifikationen entwickelt – wobei man, statt von einer Entwicklung, lieber von einer Verwicklung sprechen sollte –, was sich gerade auch sprachlich äußert; so wird weniger vom Ururgroßvater beziehungsweise vom Urgroßvater beziehungsweise vom Großvater bzw. usw. gesprochen, vielmehr haben sich despektierliche Bezeichnungen etabliert, so dass wir eher vom „Schweinehund“ reden, vom „Esel“, von der „Kanalratte“, was eine unerfreuliche Beziehung meiner Familie zur Tierwelt anzeigt, und so könnte man sagen, nähme man meinen Ururgroßvater als Ururgrund meines familiären Elends: der Fisch stinkt vom Kopfe her, auch wenn es, mit Bezug auf das Bild des Stammbaums, eher zu heißen hätte, er sei die Wurzel allen Übels.

Wenn man so will, dient meine Familie mir als verkörpertes Tagebuch, das ein einmal aufgesetztes Urteil für alle Zeit in Geltung bringt. Es ist keine Reife, kein Impuls einer Erwachsenheit, es ist allein die Müdigkeit, die seelische, geistige Müdigkeit – und damit die Müdigkeit des Herzens –, die mich endlich an diesem Urteil zweifeln lässt. Aber wie sollt ich einen Neuanfang wagen? Die Wahrhaftigkeit meines Ururgroßvaters ist mit dessen Leibhaftigkeit zugrunde gegangen. Oder sollt ich eine solche Wahrhaftigkeit etwa in den Aufzeichnungen finden? Es ist verwirrend. Aber es ist noch eine Frage, die mich beschäftigt: Weshalb urteile ich über meine Ururgroßmutter, die einem ähnlich unangenehmen Ruf in meiner Familie ausgesetzt ist wie mein Ururgroßvater, milder und maßvoller, ja geradezu entschuldigender als über denselben? Beide verkläre ich, so viel ist sicher. Weshalb nur schlägt's bei der einen in diese, bei dem andern in jene Richtung aus?

 

Ich glaube, das heißt, ich bin versichert – nämlich durch den echten, unverfälschten Blick der Künstlerin auf die Erscheinungen der Natur –, die Wahrheit, wäre sie in Gestalt, könnte nunmehr gar nicht anders als mich zu umarmen für meinen aufrichtigen Versuch, ihr nahe zu kommen. Sie würde sich wohl leicht geschmeichelt fühlen. Das nämlich darf nicht verschwiegen werden, dass die Wahrheit eitel ist. Nichts lässt sie zu als sich selbst! Sie gilt sich unumschränkt. Schon die Annahme, etwas könne wohl wahr sein, birgt die Verunsicherung, die Gegenannahme: es könne doch nicht wahr sein. Dieser Zweifel bringt sie zur Raserei, zur Tollheit, lässt sie die rigorosesten Maßnahmen ergreifen! Oh, wie fürcht' ich mich vor der Wahrheit! Ist's doch sie, die letztlich über mich urteilt. Die über alle Menschen urteilt! Darin aber liegt auch der Trost: niemand kann ihr gerecht werden, nicht ein Einzelner, nicht die Gemeinschaft. Vor ihr wird alles Menschliche zur Lüge! Die Wahrheit ist genuin unorganisch, sie ist kein Vers, keine Melodie, nur ihr gelingt die unnachgiebige Gerade ins Nichts, d.h. in den Tod. Und jene Unnachgiebigkeit der Wahrheit ist das Fatum der Menschheit. Für diese Einsicht erwarte ich mir einigen Zuspruch, was als Aufforderung an den Leser verstanden werden kann. Denn eine solche Einsicht ist kein Glück, sie ist eine Anstrengung, die Erschöpfung nach sich zieht. Und im Schutzraum des Applauses gedenke ich mich von dieser Erschöpfung zu erholen.

 

Um der Genesung ihre notwendige Dauer zu geben, will ich weitere Aufzeichnungen meines Ururgroßvaters vorstellen. Manche derselben behandeln andere Themen, politische wie gesellschaftliche, wissenschaftliche oder geschichtliche, aber es sind mir ganz und gar nebensächliche; mich gehen allein die Beschreibungen seiner Frau an.

 

„9. Mai 1872

 

Heute saßen wir im Salon des Fräuleins von Immermann. Eine gütige, ordentliche Frau, wenngleich von mütterlich-betulicher Art, die meiner Helene ganz fremd zu sein scheint. Nein, die Helene ist eine Andere. Wir nahmen uns, als es dunkler wurde, ein Plätzchen abseits der Gesellschaft und sprachen, Helene dabei nicht ohne Galligkeit, von der Kunst. Sie hat ein großes, durchaus nicht unscheinbares, doch stilles Gesicht, aber es ist, wenn ich rauche und sie den weichen Dunstfäden nachsieht, kaum Veranstaltung darin, unbewegt alles: Augen, Lippen, Nasenflügel. Nun aber begann unser Gespräch:

'Nein, nein, mein Theo, nein: Ich sag es dir ein letztes Mal – wer unrühmlich von den Demokraten spricht, und mag es in molliger Metrik und kühnen Kadenzen vorgebracht sein, der kann ein Künstler nicht sein! Ein Künstler, ein wahrer Künstler, der ist mit den Demokraten.'

Ein stilles Gesicht noch immer, aber kein regungsloses mehr: vor allem andern ihre linke Stirnhälfte ist's, die nun, da ihr ein forsches Gefühl ins Gesicht geraten ist, sich nach oben hin, nach Art einer Trasse, aufs Künstlerischste schraffiert und dies Gesicht urplötzlich zum Monument einer Meinung macht, zum fazialen Manifest einer Haltung. Gleichermaßen bangend und amüsiert oder, was dasselbe meinen will, durch eine angenehme Unruhe beglückt saß ich diesem Gesicht vor. Sie sprach weiter:

'Versteh nur: es ist eine Frage der Moral! Nicht das faulige Gerede von einer überkommenen Moral, das der Adel so gern ins Gespräch bringt. Mit dieser wohlfeilen Sprache, diesen von seiner Schmierigkeit ganz ausgehöhlten Begriffen: Treue, Tugend, Vaterland, nicht zu vergessen die Eh-re – wie sie ihn ausschnalzen, diese geisterhaften Bruchbuben: ihren geschmacklosen, wächsernen Museumspatriotismus. Halb lacht man drüber, halb fürchtet man ihn. Nein, der Adel überträgt die Moral wie ein erbliches Virus, wie ein ewiger Giftkeim steckt sie in ihm. Oh, dieses großbürgerliche Getue!'

Ich gab zu Bedenken, auch unterm Adel fände sich manch vernünftiger, verständiger Geist. Sie war gleichwohl nicht zu beeindrucken.

'Wer nicht imstande ist, Theo, wer nicht willens noch fähig ist, einen solchen Geist vorzubringen, ihn im Kampfe gegen alles Heuchlerische einzusetzen, der hat ein schwaches Gemüt, nein – stärker noch: der hat ein schwaches Herz. Schwache Herzen aber verändern keine Welt.'

'Mir scheint, oh unfromme Helene, man muss nicht gleich eine Welt verändern, um ein solides Menschenleben abzuhalten.'

'Solide, Theo, solide! Ob du wohl sicher bist, mit mir in den Umstand einer Ehe treten zu wollen? Solide! Mögen noch so viele Menschen die Welt solide halten; wenn es keinen Künstler gibt, keinen wahren Künstler, ist das alles für die Katz! Einer muss den so-liiiden Menschen doch eine Moral vorzeigen, woher wüssten sie sonst, wie es um ihr Leben steht!'

'Und woher weiß es der Künstler?'

'Deine Frage ist direkt ungeschickt, Theo. Moral und Kunst sind eins! Die Moral ist das Genie des Künstlers!'

'Aber sind denn Kunst und Künstler wahrlich von derselben Identität?'

'Du willst mir besser nicht rhetorisch kommen, Theo. Das Werk drückt den Künstler naturgemäß aus. Ein Künstler, der sich nicht vollends durch sein Werk verrät, ist ein Verräter!'

Dies letzte Wort sprach sie so verächtlich, so beißend aus, dass es über eine Beleidigung schon hinausging. Ich wusste, sie sprach mit diesem Wort auch vom Adel. Ganz ohne Furcht sehe ich ihr Talent zur Empörung nicht, aber es ist auch was Liebenswürdiges darin, was Ermunterndes. Ja, gewiss möcht ich mit ihr in die Ehe, auch wenn ihr eruptives Herz unsern Stand sicher nicht beschweren wird. Aber lieber, so ist mir, mit ihr, Rabiata, in Gefahr geraten, als mit irgendeiner andern Frau ein ergeben-vornehmes Leben führen. Daran ist kein Zweifel oder doch nur einer, der vom Bewusstsein schon ins Gedächtnis zurückgefallen ist.“

 

Ich weiß nicht einmal, wie mein Ururgroßvater ausgesehen hat. Es hängt kein Bild von ihm in unserem Haus. Bei jeder Erinnerung an ihn, die mehr das Vorstellen einer literarischen Figur ist, denke ich mir neue Eigenheiten aus, die ihm wohl gestanden hätten. Indes ergibt diese Zusammenstellung von Eigenheiten kein kohärentes Bild von ihm; im Grunde stelle ich mir eine Art Fabelwesen zusammen. Die gegensätzlichsten Eigenschaften widerstreiten sich darin. Einmal ist er nur eine männliche Abschattung meiner Ururgroßmutter, einmal ein originäres Unikum. Nach einer Gesetzmäßigkeit verfahre ich hierbei nicht; es sind die Feste der Fantasie zu feiern, wann immer sie usw. Das bedingt natürlich einen gelegentlichen Verlust von Bildelementen. Manches Ausgedachte vergesse ich oder deute ich im späteren Moment anders als im vorigen. Bisweilen hat er, wenn ich ihn mir vor die ausgehungerte Seele treten lasse, ausuferndes, poetisch gewelltes Haar; dann wieder sitzt ihm ein Hut auf, wie ihn ein Fischer in alten Zeiten getragen haben mag; etwa sehe ich ihn in einem Selbstportrait Renoirs verkörpert. Oder er trägt gar keinen Bart, ist im Gesicht ganz kahlgeschoren, ist streng gescheitelt und in der feinsten Akkuratesse dem Alltag vorgesetzt. Und je nach bildlicher Vorstellung variieren auch seine charakterlichen Hauptzüge. Wohl traue ich ihm in einer moralischen Debatte nonchalante Äußerungen zu; in anderen Augenblicken gilt er mir als kategorischer Verfechter unantastbarer Grundhaltungen.

Allein, auch hier wiederhole ich das Unglück, eine in ihrer Form fiktive Figur mit meinen eigenen charakterlichen Ausschlägen auszubeulen. Ich kann meinen Ururgroßvater nirgends anders finden als in seinen Aufzeichnungen; nirgends anders! Aber die Dummheit begehe ich doch, ihn immerfort in mir zu suchen. Oder für das, was ich in seinen Notizen lese, eine Entsprechung in mir selbst zu finden und dabei einen psychologischen Kommentar mitzusprechen, der ihm weder gilt noch entspringt, ohne ihn gleichwohl nicht zustande käme. Es ist also die alte Wahrheit aufzurufen, es lasse sich das eigene Selbst, das gleichfalls vom Nebel der Idee seiner selbst sozusagen umschleiert ist, nur im Spiegel eines anderen, gänzlich fremden Selbst erkennen. Es mag das einem Logiker für ordentlichen Blödsinn gelten, aber es klingt so fein, dass ich es gern einige Zeit, will sagen absatzweise, als erkenntnisselte Monstranz vor mich hertragen will.

 

Nein, vergessen will ich sie, vergessen! Ich will nicht mehr das Große wagen, das Unbesteigbare, das nur zu schauen und nicht zu bezwingen ist. Aber Worte, das ist das Abscheuliche an ihnen, bezwingen allezeit den Gedanken, den sie forttragen von der Quelle in einen Ozean der Gleichgültigkeit, da jeder Gedanke neben dem nächsten steht und ihn ignoriert, wie sich Wasserschichten ignorieren und Fische, außer sie fressen einander. Man muss zunächst das Wort bändigen, damit es den Gedanken nicht schädigen kann. Also nur das Offensichtliche ausdrücken, damit das Unausdrückbare, das recht eigentlich das Leben spricht, weiter in der Latenz verbleiben, weiter unter den Worten hindurchtauchen kann. Man sieht, ich probiere mich gerade vorzüglich in Metaphern.

Was also ist das Offensichtliche? Das porträtierte Gesicht der Ururgroßmutter. Ein Gesicht, das vom Fleiß so wenig zeigt wie von der Unzufriedenheit, daher in unserer Familie, die beides, den Fleiß wie die Unzufriedenheit, in ihren Gesichtern tradiert hat, nur abgelehnt werden kann. Gleichwohl Schweizer sind sie nicht. Was aber eine ganz unbedeutende Verschiedenheit ist.

So ist also vom Gesicht zu reden, wenn ich das Offensichtliche meine, aber was leistet schon eine Beschreibung, wenn ich die Farben benenne, die Formen, mit denen es gestaltet wurde, nicht aber die geistige Füllung, die es mir zum Gesicht macht, zum Portrait? Oh, ich stelle gar famose Fragen, ich gelange zur fidelen Faselei, zur Fatrasie, zur Fazetie, zur Frottola, es fehlen nur die Verse, ich spiele Fangen mit dem Sinn, der Wahrheit, die beide sich frottieren entlang an den feinen Schichten eines rechteckigen Bildes, das mit der Erinnerung nur das eine gemein hat: sie formen die Wirklichkeit, ordnen sie, strukturieren sie, machen sie erkennbar, teilen sie in Einzelnes und fügen alles Einzelne wieder zusammen, sie machen aus dem Erlebten eine Erfahrung, und das alles gaukelt uns eine natürliche Logik vor, eine natürliche Unbedingtheit, eine Folgerichtigkeit, woraus wir einen tiefern Grund ableiten, eine Ursache, sei's die Libido, sei's das Èlan vital, letztlich aber Blinde bleiben in der Anschauung der Natur, die wir nur allzu gern zu unsrer machten, als seien wir Geschöpfte und Schöpfer zugleich, allein: wir sind bloß Hingeworfene, Ausgeworfene, Ausgeschiedene und Verscheidende, Ausscheidende und Verschiedene, wir sind der Schaum eines karriolenden Meeres, der Blinddarm, die Vorhaut einer Natur, die uns immer fremd bleibt, die wir in Zeiten einteilen, damit sie uns erkennbar wird, wie das Licht uns nur durch ein Prisma sichtbar wird, und jeder Zeit geben wir ein Gefühl, eine Farbe, einen Geruch, einen Ton: der Wehmut, der Nostalgie, der Sehnsucht, weshalb wir uns nicht eines eigentlichen, sondern nur eines zurechterinnerten Damals entsinnen, das übrigens ein ganz eigenwilliger Müßiggänger ist, und so geht der Atem der Jahre umso langsamer, bedächtiger, aber auch erschöpfter, desto weiter sie zurückliegen, desto eingefasster sie sind in etwas wirklich Vergangenes, das in einem Heute nur durch die natürliche Maschine der Erinnerung noch manches Mal wirkt, etwa im Gefühl eines Verlustes, einer albernen Tragik, die auch ich ganz unbedingt empfinde, wenn ich erneut das Portrait meiner Ururgroßmutter beschaue, nämlich in der unglücklichsten Verfassung, die ihren Puls aus einer beständigen Identitätsverschiebung herzieht, einer beständig wechselnden Identitätsmaske, einer Maske, die als Gesicht einzuschätzen nur Unverfrorenheit oder allergröbste Dummheit bedeuten kann. Dummheit, das ist das Stichwort für jeden Punkt. Man sieht, ich dilettiere noch in der Kunst der Interpunktion, verhandle in der herzlosesten Stimmung meine Einsichten, und zum einen deshalb, zum anderen, weil sie nicht im Suizid enden, gipfeln meine Selbstgespräche fortwährend im Desaster. Nicht dass einer denkt, ich wolle hier wirklich die Wahrheit aufsuchen, au contraire! Ich will mir selbst nur schmeichelnde Worte sagen.

 

„ 19. November 1918

 

Auf seltsame Weise verfeinert lag sie da, wie in einer umgekippten Vase. Als sei sie in einen Garten verlegt worden, der den Dreck irdischer Böden nicht kennt. Es war nicht der rechte Augenblick, Abschied zu empfinden oder irgendein Glück neben ein anderes zu stellen, um Abmessungen vorzunehmen. Glück ist kein Begriff mehr, das ist die Einsicht. Aber darauf baut sich kein neues Leben auf.

Ihre Bilder bleiben stehen, die Gestaltung des Wohnraums wird nicht verändert. Nichts wird verändert. Ich habe nicht die Kraft, irgendetwas zu verändern. Solange sie noch lebte, habe ich ihr und mir diese Kraft vorgemacht. Und wenn ihr Tod mir eines bedeutet, dann das Eingeständnis: dass ich diese Kraft schon lange nicht mehr hatte. Dass ich, solang sie lebte, nur auf alte Muster zurückgegriffen habe, um sie zu demonstrieren. Dass ich meine Jugend ins Alter kopiert habe. Meine Achtung, die ich vor mir selber empfunden hatte, war eine Lüge. Sie kam aus der Täuschung, ich hätte mich Helene nicht schon seinerzeit gebeugt gehabt. Das kann ich nicht mehr aufrechterhalten. Nur in der Beugung bin ich aufrichtig. War diese Beugung Verehrung, war sie Furcht? Ich will es nicht Liebe nennen. Aber vielleicht kann nur die Liebe einen Menschen hierhin und dorthin verschieben und ihn weiter glauben machen, er sei ein standhafter Mann. Und so bleiben ihre Bilder stehen. Sie wollen mich künftig an jenen trunkenen Ort einer männlichen Seele gemahnen, in dem Feigheit und Mut für ein menschliches Auge nicht mehr unterscheidbar sind.“

 

Worauf verlasse ich mich nun; worauf gründe ich mein künftiges Leben? Auf eine angenommene Wesensverwandtheit mit meiner Ururgroßmutter – oder auf den Sockel eines pflichtorientierten Lebens, das mir meine Mutter vorschlägt, aber bereits auch in einer Weise vorlebt, in der ich ihr nicht gleichkommen, nicht nachfolgen kann? Es ist gleichviel. Und so kann ich nicht mein eigenes noch ein fremdes Leben erzählen, sondern nur ein mögliches.

Das Erzählen spricht immer nur von etwas Möglichem, nur in der andauernden Potenzialität können Worte, die für sich so trocken und unbewegt auf einem Blättchen liegen, lebendig werden. Wie ich hier sitze und mich im Schreiben als ein Menschliches betätigen will, so bin ich doch ganz ein Autodidakt, ungeübt in der Mühsal des Erinnerns, das die Vorbedingung für alles Erzählen ist. Denn das Erinnern, das ist nicht nur ein Abrufen von Bildern, ein Wiedererklingenlassen von Tönen, das repetierte Schnuppern vergangener Düfte – in der wahrhaften Erinnerung gehen Bilder, Töne, Düfte und alles weitere durch Worte, durch eine Sprache, die ich erst, wenn ich alles formuliert habe, erfahren kann. Darin sind Worte etwa Handlungen ähnlich. Handlungen führt man, wie Worte in einem Text, zu Versuchszwecken aus: ob ein Wort mot juste, mot propre, mot rare ist, kann ich erst nachträglich feststellen. Werde ich mir eines Wortes zu sicher, kann ich es nicht mehr gebrauchen. Nur umwunden von Worten, deren ich mir unsicher bin, deren Potenzial ich nicht ins Letzte hinein ausentdeckt habe, kann ich etwas, das außerhalb der Sprache liegt, erkunden.

 

Ob ich ihr die Briefe geschrieben habe? Es war nicht sie, der ich schreiben wollte, ich selbst war es, ich selbst vor so und so vielen Jahren, der ich zu beichten hatte, alle Dummheiten eines kindlichen, jugendlichen Lebens. Betrachtungen gegen die Eitelkeit. Wenn möglich, wollte ich ein Gespräch führen, ein Gespräch mit einem früheren Ich, mit meinem Ich vor fünf Jahren, vor zehn Jahren, ja, ich hätte die ärgste Lust, mit mir, da ich ein Säugling war, aufs Unerbittlichste zu debattieren! Aber etwas Unüberbrückbares hinderte mich seit je. Was war es?

Der Gedanke daran aber blieb mir eine Herausforderung: Zunächst dächte man wohl, man habe das frühere Ich im Griff, könne es argumentativ bändigen, seinen Furor, seinen Impetus. Und müsste doch erkennen – und das heißt: anerkennen –, sich eingestehen: dass man, obwohl man beinahe gewiss ist, dieses Ich einmal gewesen, mit diesem Ich auf eine unbedingte Weise identisch zu sein, diesem Ich doch nicht beizukommen imstande wäre, dass man sich wahrscheinlich ignorieren würde, da beide einander lächerlich fänden – und wer wohl wen mit größerer Berechtigung?

 

Es wäre eine irrsinnige Unternehmung. Der Gedanke an eine notwendige Entwicklung, dessen Gegendarstellung ich lange und fälschlicherweise als eine kontraintuitive behandelt habe, ist absurd.

In der Kindheit verbrachte ich unzählige Nachmittage mit den heroischsten, insofern fragwürdigsten Phantasien. Eine davon war: in eine Vergangenheit zu reisen und einige der großen Werke, die erst künftig erscheinen sollten, schon dort zu schreiben, sozusagen abzuschreiben und doch mit ihnen zu debütieren. Von meiner kriminellen Veranlagung, die in dieser Überlegung offenbar wird, einmal abgesehen, war das auch der Gedanke, die Idee einer folgerichtigen, einer 'natürlich' genannten Entwicklung ad absurdum zu führen. Die kulturelle in gleicher Weise wie die persönliche Entwicklung ist eine kontingente. Eine Begegnung nun zwischen ungleichaltrigen, wenn auch sonst identischen Ichs könnte nur dann eine linear ineinandergreifende sein, wenn das Begreifen von Sinnhaftigkeit kein intuitives, sondern eines nach formalen Kriterien wäre. Oh, wie Muttern mich tadeln würde, läse sie diese altklugen Albernheiten! Vorsorglich will ich ein weiteres Essen aussetzen.

 

Ob ich noch etwas zu zitieren habe? Vielleicht aus der Bibel: „Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.“ Die Sprache der Menschen war an ihr Tun gebunden. Als es zu tun nichts mehr gab, war ihr Verhältnis zur Sprache irritiert. Durch die irrationale Potenz des Lebens, die hier in Gestalt Gottes offenbar wird, büßte der Mensch seine sprachliche Identität ein. Wo die Sprache endet, beginnt der Glaube. Die Menschen mussten zum Glauben inspiriert, bewegt, gezwungen werden – dazu musste man sie dessen berauben, was sie ihrer irdischen Existenz versicherte: eben der Sprache.

 

Ist es also meine Pflicht, die von der Naturordnung bestimmt ist, meine Sprache ans Notwendige zu binden und alles, was diesem nicht wesentlich entspricht, verkümmern zu lassen? Oh, man verlangt von mir, meine Jugend, meine Launen aufzugeben! Ich selbst werde muttern müssen! Ein unheilvoller Gedanke, dessen Gedenken ich so bald wie möglich zur Abdankung werde anhalten wollen. Ganz aber lässt er sich nicht tilgen, in einer schwach pulsierenden Panik lebt er fort, und mir ist, als wäre es doch das einzig noch Denkbare, meiner Ururgroßmutter, die mir sozusagen als mein späteres Ich erschiene, jene Briefe zu schreiben, die, eben weil hier das Lebendige mit dem Toten in Kontakt ginge, eine ganz unaushaltbare Unterhaltung bedeuteten. Ich werde mir selbst den Brief aufsetzen müssen, den zu schreiben recht eigentlich meiner Ururgroßmutter obläge. Einen Brief schreiben ohne Sprache! In einer Sprache schreiben, in der sich alles Sprachliche auflöst, in der das Wort zur Natur geworden ist. Aber diesen Gedanken hebe ich mir besser für eine Preisrede auf.

 

Liebe Ururenkelin, - nein, so förmlich will ich sie mir nicht vorstellen. Sie wird nicht viel auf die Distanz geben wollen, und wenn, dann bezöge sie sich doch wohl mit ein; also: Liebes frühere Ich, - nein, auch hierin ist zu viel Diskretion, zu wenig Herz! Sie wollte es doch anders versuchen, empathischer: Ewr Exzellenz! Ewr hochwohlgeborne Durchlaucht, Königin der zerrütteten Freundschaften und musisch begabte Veredlerin der Weltenseele – ach, nein, der Adel galt ihr nichts und demnach wohl kaum das Majestätische. Nun stelle ich sie mir doch als eine Fremde vor! Nicht anders aber kann ich ihr schreiben, als schriebe ich mir selbst! Nur so kann mir ein Brief von der Seele gehen!

 

Madame!

 

Die Zeit ist kaum vorgerückt, oder sie ist zu weit vorgerückt, bis in den Krieg hinein oder darüber hinaus. Ich werde von mir sprechen, von mir sprechen müssen, die Sprache darf nicht aus meinem Körper heraus. Nicht von meiner Tochter werde ich sprechen können, nicht von meinem Mann, nicht von Mutter oder Vater, nicht von all den Menschen, auf die ich mich verteilt habe, in denen ich mein Ich ausgestellt sehe, eingebracht, verformt oder verfilmt. Ich kann nicht von allen sprechen, oder, wenn ich von allen spreche, so kann ich nur von mir sprechen, aber wenn ich von mir spreche, spreche ich von einem Nichts, von einem aktiven Nichts, das sich bewegt oder nicht bewegt, das aber, wie mir scheint, sich zu bewegen immerhin die Fähigkeit hat, von einem Willen will ich zunächst nicht sprechen. Ich spreche ja gar nicht. Man muss sich das überlegen: Ich spreche nicht, mein Mund bewegt sich nicht, meine Mundhöhle ist kein Kosmos bewegter Worte, meine Lippen sind nicht das Tor zwischen zwei Sprachwelten, sie sind ungeübt, ein Grab. Ich schreibe. Und das macht etwas, das macht etwas mit mir und den Worten, die ich nicht spreche, aber von mir gebe, wie ich Kondolenzen von mir gegeben habe oder Glückwünsche, Blumen oder Gesten, aber das ist nicht richtig, diese Vergleiche sind unwahr, das Sprechen, das nicht spricht, sich im Schreiben erbricht, das heißt: ich, ich bin nicht vergleichbar, mit nichts, nicht einmal mit mir selbst, der ich mir, wie ich hier schreibe und nicht spreche, über die Schulter sehe, nein, nicht eigentlich über die Schulter, ich sehe mich nicht von außen, ich sehe gar nichts, ich sehe nur die Worte, die nichts sind, weil ich nicht weiß, ob sie ich sind. Ich spreche nicht in ein Nichts hinein, in eine offene Welt. Ich schreibe auf ein Blatt Papier, jedenfalls glaube ich, dass es ein Blatt ist, aus Papier ist, dass ich schreibe, auf ein Blatt Papier. Je öfter ich die Worte wiederhole, desto unsicherer werde ich um das, was sie bezeichnen. Sie sind keine Versicherung. Aber selbst das ist mir nicht versichert, so wiederhole ich sie ins Endlose, bis ich nur noch Worte wiederhole, sie spreche oder schreibe, sie schweigend wiederhole, und die Worte mir jene Wirklichkeit geworden sind, von der sie mich distanzieren sollten. Bis ich diese Worte bin, bis ich mir selber Wirklichkeit geworden bin, ohne dessen je versichert worden zu sein. Bin ich ein Blatt Papier? Das Blatt Papier, so stelle ich mir vor, ist eine andere Wirklichkeit, die ich in meine hineinzerre, die ich festhalte, dessen Ränder ich einziehe, dessen Zeilen ich verkürze, dessen Zeilen ich verlängere, dessen Rückseite ich beschreibe, oder nur schwärze, einschwärze, bedecke mit Farbe, ohne dass diese Farbe eine Form hat, die von Worten, von Bedeutungen zeugte. Ich zeuge nicht von Bedeutung. Ich zeuge von Zufall, ich bin mir selbst zugefallen, eingefallen, aufgefallen, und ich werde mich, wenn ich das Schreiben und Sprechen endlich gelassen habe, wieder vergessen können, ich werde aus mir herausfallen, als eine Andere, ich werde jeden Moment aus mir herausfallen und eine wieder und wieder Andere sein. Ich werde du sein. Und ich werde mich als dich vergessen können.

Ein letztes Aufbäumen. Ausbruch aus einer Ödnis, die ohne Zeichen in der Welt ist. Meine Welt, deine Welt, irgendeine Welt, in der meine und deine Welt keine gemeinsame Ordnung haben, meine Welt hat keine eigene Ordnung, nirgends ist eine Ordnung, nicht in mir oder auf dem Blatt Papier. Statt Chaos aber Ruhe. Was die Freude mit der Angst verbunden hat, hat sich aufgelöst. Keine Besessenheit mehr. Ich zucke kaum noch, seit ich den Zeitpunkt übergangen habe. Was ich bin, ist nicht stoisch, ich habe mich nicht gemäßigt. Ich habe mich übergeben. Ob ich etwa gestorben bin? Das sähe mir ähnlich.“

 

28.1.13 14:44

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