Es ist später Nachmittag, das Tageslicht wird trüber. Je dunkler es wird, desto leichter fällt mir der Anblick fremder Gesichter. Sie werden schöner, je undeutlicher sie sind. Ein vages Gesicht kann ich besser nutzen. Blieben sie so klar, wie sie es im hellsten Tageslicht sind, wären sie unbrauchbar für mich. Dann könnte meine Vorstellung keine Geschichten mehr an ihnen verüben. Und nur so ertrage ich die Menschen. Die Schattenflecken auf ihren Gesichtern sind mein Geheimnis.

Was mir das Warten erschwert, ist die Hitze hierin. Als ich das Haus verließ, war es bewölkt. Nun ist der Himmel klar und die Temperaturen sind, so sagt man doch, freundlich. Aber sie können nur freundlich sein für den, der die rechte Bekleidung trägt. Mein Rollkragenpullover ist es offenbar nicht. Für Augenblicke überkommen mich Wallungen, deren Plötzlichkeit mich so schockiert, dass ich mich sofort entkleiden möchte. Aber ich schiebe nur die Ärmelspitzen hoch, bis zu den Ellenbogen, das vermacht mir immerhin den Anschein einer Erleichterung. Meine Magenschmerzen verstärken die Hitze, die nun ausschließlich von innen kommt. Ich kann aus meinem Körper nicht hinaus. Nur aus dem Pullover, jedenfalls auf Armlänge. Meine freigelegten Unterarme sind der vergitterte Blick nach draußen, der spöttische Ausschnitt von Freiheit für den Inhaftierten.

Ob diese Metapher für das, was man einen Arztbesuch nennt, zulässig ist? Aber es ist kein Arztbesuch, ich besuche niemanden. Eher ist es eine mechanische Einweisung, die meine Unfähigkeit, mein Leiden auszuhalten, ärztlich beglaubigen, also offiziell entschuldigen soll. Ich bitte nicht darum, ich verlange es. Ich bin zur Getriebenen geworden, seit ich über meine Schmerzen nicht mehr reflexiv verfüge.

 

Das Gesicht der Arzthelferin ist von einer seltsamen Blässe. Es mag sich über die Zeit, die sie hier ist, den Wänden anpassen. Ein Sonntagsgesicht, die Entfernung zwischen zwei echten, lebendigen Gesichtern. In diesen Räumen scheint es, als wäre es im Schlaf. Ob es draußen ein anderes ist, ein farbiges? Hierin ist es weiß. My heart is of your colour; but I shame to wear a face so white. Ein feines Gesicht, aber ohne Intimität. Ohne Schande, ohne Scham. Ich sehe mich darin nicht wieder. Ein trostloses Windengewächs. Vielleicht ein heimliches Gesicht, eine belle de nuit.

Ihr blondes Haar ist straff nach hinten gezogen, in einem strengen Knäuel gebunden. Eine Berufsfrisur, gewiss. Allein – Arzthelferinnen haben nicht nur eine medizinische oder verwaltende Funktion, auch eine menschliche. An dem blonden, bubenhaften – oder doch eher geschlechtslosen Mädchen aber erfährt die Strenge der Frisur keine Resonanz in einer Sanftmut des Gesichts. Diese Sanftmut ist ihm fremd. Hier hat das Haar keinen Kontakt zu dem mageren Gesicht. Und so bleibt auch der unausgesprochene, gestische Kontakt zu den Patienten aus.

Hart bedient sie die Tastatur, während sie wie ein toter Engel auf den Monitor starrt. Als machte das Tippen hörbar, wovon ihr Gesicht nichts zeigt: eine anwesende Frau. Eine wohl arbeitende Frau. Ob sie sich selbst darauf hinweisen muss? Ihr zurückgezogenes Gesicht, das vielleicht doch etwas zeigt: sie hat kein Vertrauen in wartende Menschen. Als sei es ihr unheimlich, wie wehrlos man die Zeit erdulden kann. Sie stöhnt unangenehm auf, ein trotziges Seufzen. Für einen Augenblick ist sie privat hier.

 

Ich will in den Zeitschriften nicht herumlesen. Wie viele kranke Menschen müssen darin geblättert haben. Apothekerzeitschriften, die mir vormachen, auch als Kranke sei ich integriert in eine Gesellschaft, die ich selbst in gesundem Zustand meide. Ich kann die Zeit nicht wegblättern, ich muss sie aushalten. Die Wartezeit, die eine stimmlose Zeit ist, erlebe ich so intensiv wie alle weitere Zeit, wie einen Spaziergang, ein Gespräch, wie einen Film oder die berufliche Konzentration. Später aber werde ich nicht mehr wissen, wie ich die Zeit verbracht habe. Auch das Warten ist aktiv, aber es ist eine verborgene Aktivität, eine, die man nicht mitteilen kann. Daher bleibt sie stumm. Sie ist so verloren wie jede Zeit, aber sie ist es auf ehrliche Weise. Ich werde sie später nicht schöpferisch nacherzählen, ihre Erinnerung wird nicht auch Erfindung sein, im Gegenteil: Wann immer ich von ihr berichten werde, werde ich sie reduzieren. Ich werde sagen: Ich habe gewartet. Was ich erlebt habe, wird einmalig bleiben. Die Blüte, die sich zum Trichter entwickelt, wird verwelkt sein, wenn das Warten vorbei ist. Eine belle de jour.

Eine Stunde warte ich nun, aber es ist ganz gleich, ob es eine Stunde oder zwei sind, ob ich drei oder vier zu warten habe. Wenn man nicht umgehend aufgerufen wird, wenn man nicht, sobald man eintrifft, behandelt wird, sitzt man bereits in Haft. Und das Faktum der Haft, nämlich: gesessen zu haben, kann man nicht relativieren mit einer beliebigen Anzahl von Zeiteinheiten, die man mehr oder weniger gesessen hat. Man wurde gefasst, das ist alles, worauf es ankommt. Man ist nicht entkommen.

 

Die Abfolge von Vorstellungen, die ich während des Wartens habe, sind keine Simulation wirklichen Lebens. Sie sind die Scharniere zwischen der Echtheit und der Simulation. Denn ob ich mit einem Buch, mit Sport oder, wenn man so will, dem Warten beschäftigt bin, es lenkt mich von meinen Magenschmerzen ab. Sie sind nicht präsent, wenn ich mich durchs Wartezimmer hindurchassoziiere. Jetzt, wo ich sie auch in der Vorstellung thematisiere, spüre ich sie wieder, die krampfartigen Umwälzungen. Ich weiß nicht einmal, ob es Magenschmerzen sind. Vielleicht kommt der Schmerz vom Darm her, ich kann zwischen den Organen nicht immer unterscheiden. Immerhin gibt es für organische Schmerzen Fachpersonal, Ärzte also, die diese Unterscheidung für mich übernehmen. Ein unangenehmer Reiz: Ich muss mich einem fremden Auge überlassen, einem fremden Tastsinn. Auch einer fremden Intuition, einem fremden Urteil. Ob ich es zu meinem machen kann? Nur in der Vorstellung personalisiere ich das Anonyme, nur dort bestimme ich das Fremde. Aber auch dort bleibt mir der Nadir des Unbekannten unbegehbar.

 

Eine ältere Dame, vom Mantel noch überzogen, als sei sie um ihre Aufnahme unsicher, stellt sich zaghaft an den Tresen. Sie bleibt stehen und wartet, sie hüstelt nicht, sagt auch ihren Namen nicht auf, als sei eine Arztpraxis das zeitlose Versprechen, wahrgenommen zu werden. Ihr Stand ist mürbe, die Knie sind leicht eingeknickt, der Mantel zeichnet den gekrümmten Rücken nach; hilflos vertraut sie auf das Versprechen. Die Arzthelferin blickt von ihrem Monitor nicht auf. Sie hat aber die potenzielle Patientin schon wahrgenommen, ihr Blick ist fester geworden, ihre Finger gehen hastiger über die Tastatur. Etwas in ihr will die Patientin wahrnehmen, aber sie ist nicht Abruf verfügbar, dessen muss sie sich erst versichern. Die ältere Dame scheint intuitiv davon unterrichtet, sie nimmt ihre Krankenkarte aus ihrer kleinen Handtasche und beruhigt ihren Blick in den Prospektauslagen vor dem Tresen. Ob es wirklich eine Beruhigung ist? Brustkrebs, Darmkrebs, Hautkrebs, Demenz – fehlte nur noch ein Prospekt zur Altersarmut und sie wüsste vollständig, womit sie von der Gesellschaft für gewöhnlich identifiziert wird. Ein Menschenleben in Prospekten, in Flyern – in einer Arztpraxis wird man beinahe zwangsweise zur Hypochondrie erzogen. Nirgends fühlt man sich ferner von der Gesundheit, als eingemauert von diesen Prospekten und den Plakaten an der Wand und den unzähligen Ausgaben der Apothekerzeitschriften. Nirgends ist die Dichotomie zwischen Gesundheit und Krankheit deutlicher. Eine Zwischenzone gibt es nicht mehr. Das Selbstgefühl wird im Wartezimmer einer Arztpraxis nahezu ausgelöscht.

Die ältere Dame, ihre Präsenz war nicht mehr zu leugnen, wurde nun aufgenommen. Vorsichtig betritt sie das Wartezimmer und grüßt, als wolle sie nicht stören, leise hinein. Sie nimmt einen Platz am Fenster, den Mantel behält sie an. Nun sitzt sie da, wie sie vorher am Tresen gestanden hat: die Hände nah am Körper, den Kopf leicht vornüber gebeugt, die Beine streng angewinkelt, die Füße unter den Stuhl gezogen; vielleicht in der Hoffnung, bald in sich selbst zu verschwinden. Für einen Augenblick möchte ich ihr folgen, mit hinein in diesen Körper.

 

Die Alterung übergehen, indem ich aus meinem in ihren Körper springe. Aus einem jungen in einen alten. Welche Reize würden mir dadurch verloren gehen, welche würden neu erworben? Ich habe eine Neugier aufs Alter, aber keine Sehnsucht danach. Von den Prospekten weiß ich, dass ich auch innerlich schrumpeln werde. Ich werde schrumpfen, weil meine Organe ausfallen und mein Körper nicht weiß, was er mit dem leeren Raum anfangen soll; daher zieht er sich zusammen. Aber es wird keine Verdichtung sein. Die Zuversicht wird schwinden, weil ich immer weniger darauf werde vertrauen können: das wird schon alles irgendwie halten. Es wird ja nicht halten, man weiß es. Ich werde nicht halten, ich werde vergehen. Alles Heran- und Herausgebildete wird sich herunterbilden, aber dann ist es keine Bildung mehr, sondern nur noch Verfall. Ich werde verfallen. Aber das ist keine Erkenntnis, das ist nur der Kitsch einer Vorstellung vom Altern. Ich kann fühlen, was altern bedeutet, aber ich kann es nicht analysieren. Es gibt auch keinen Ursprung, an dem das Altern klar erkennbar beginnt. Während ich altere, wachse ich zugleich. Und umgekehrt. Es ist unsinnig, das Altern mit solch vorgeblich dialektischen Überlegungen sprachlich einfassen zu wollen. Ich kann es mir mit Sprachspielen nicht verständlich machen. Spüren kann ich es, momentweise, im Anblick einer alten Frau. Ihren Mantel hat sie nun aufgeknöpft, darunter trägt sie ein dünnes, beigefarbenes Hemd. Ich kann im Augenblick, da mich die Hitze so bedrängt, nicht nachempfinden, weshalb sie ihren Mantel nicht ablegt. Vielleicht hat man im Alter das gelernt: Temperaturen zu trotzen. Aber das ist auch nur eine pubertäre Idee vom Altern.

 

[...]

28.1.13 14:48, kommentieren

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Muttern

 

 

 

Meine Mutter, deren Mutter eine Putzstelle im Regierungsgebäude sozusagen inne oder jedenfalls nicht zu veräußern gewusst hatte, übrigens besorgt von deren Mutter, um die Familienehre, die mit der gewissenlosen Lebensführung der Urgroßmutter meiner Mutter verloren gegangen war, wieder herzustellen, das heißt aufs Schönste oder mindestens aufs Geringste neu zu erzeugen, weil das Ansehen in meiner Familie mütterlicherseits einen ganz außerordentlichen Stellenwert hat, sah sich in keinem sonderlich liebevollen Verhältnis zu eben dieser Urgroßmutter, und das nicht allein ihrem Stande wegen, der mit einer zügigeren Lebensführung und weniger glücklosen Entscheidungen derselben wohl – um unbedingt im Bild zu bleiben – einige Stufen unter ihr wäre, sondern, wie sie sich fortwährend, etwa in jenen Momenten, da sie in meinem Verhalten eine Parodie auf diese zu erkennen glaubte, zu sagen veranlasst meinte, da ihr ihre Nase nicht gefiel, was ich zweifellos als eine Aussage im übertragenen, das heißt poetisch verklärenden Sinne zu deuten habe, denn schaut man sich die Nase meiner Ururgroßmutter einmal genauer an, und das passiert in unserem Hause gelegentlich, da ein Portrait von ihr, angefertigt übrigens von ihrer Mutter, die eine ungewöhnliche Begabung in der innerfamiliären Portraitanfertigung nicht anständig zu verheimlichen geschafft hatte, in unserem Flure hängt, durch den noch, das will ich so träumerisch sagen, der Duft unserer Ahnen fleucht, den die Großmutter meiner Großmutter gewiss allzu gern in ihren zweifelhaften Riecher aufgesogen hätte – denn trotz aller ungeschickten Lebensführung empfand sie sich der Familie, die eben dieselbe streng missachtete, eklatant verbunden –, so ist doch ein ausnehmend hübsches Näschen zu erkennen, das ihrem metaphorischen, ich konnte es anzudeuten mir nicht versagen, einiges voraushatte, das meiner Urgroßmutter wiederum in erklecklichem Maße zugeronnen war und das sich, das in die Wege zu leiten war ihr die allerrechteste Beschäftigung, sowohl auf meine Großmutter als auch auf meine Mutter gewissermaßen übertrug. Hierbei ist der unabhängige Verweis anzubringen, dass ich dem Bilde meiner Ururgroßmutter, dem ich oft staunend vorgesessen, nicht allein ihrem aparten Näschen wegen verbunden bin, sondern, und hier nun keimt das Übel dieser Offenbarungsklamotte, ihr in vielerlei Beziehung mich zu ähneln meine, was übrigens nicht nur meine, sondern auch die Vermutung meiner Mutter und gewiss noch deren Mutter ist, was mir den Rufnamen „Urgroßmutter“ eingebracht hat, mit dem meine Mutter mich auffallend häufig und auffallend missgestimmt zu allerlei Angelegenheiten herzumahnen die Neigung hat. Nun kann ich freilich nicht über mangelnde Zuneigung klagen, aber es sei mir das Geständnis zugestanden, dass sich darüber für mich kaum klagen ließe, gar da ich’s mir wohl wünsche, ja allerheimlichst wünschen muss, angesichts der manischen Anwesenheitsermächtigung meiner Mutter, die nur alles dafür will, aus ihrer tochterlichen „Urgroßmutter“, die von dieser mütterlichen Erziehungsmotivik entsetzlich irritiert ist, eine großmütterliche Tochter zu machen, was ich mir, hiermit sei das Geständnis dann ausgestanden, weder für meine jetzige noch für künftige Situationen vorstellen, will heißen aufhalsen kann.

 

Hier entwickelt sich nun ein forscher Ton in meiner Brust, ich spüre meine Jugend in ihr trommeln, es ist ein Trommeln auch gegen die umständlichen Kleider und gegen die strickmusterhaften Worte meiner Mutter, gegen dieses vulgäre Verfahren der Vereinnahmung, gegen den Frieden, den ich zu bewahren mich durch Anpassungsprozeduren der schrecklichsten Art gezwungen sehe, es ist aber auch ein wahlloses, ein willkürliches Trommeln, eines, das keine Konventionen, keine Regeln, das keine Gegnerschaft kennt, keinen Anlass und keine Motivation, ein Trommeln, das nur des Trommelns wegen in meiner Brust schlägt, ein Trommeln, das mich ganz ratlos, aber auch glücklich macht, oder wie sollte ich sonst das Gefühl benennen, endlich einmal außerhalb der Worte meiner Mutter sprechen zu können. Hier kann ich es! Hier darf ich, hier muss ich es! Nämlich Mensch sein. Nun ist so viel Freiheitsgerede naturgemäß gelogen, denn von Freiheit, die übertrieben vorsichtige Andeutung meiner familiären Situation mütterlicherseits hat es dargelegt, verstehe ich nicht viel, gar allzu wenig, als davon berichten zu können. Es ist mir aber eine große Leidenschaft geworden, Zusammenhänge anzurufen, die ich nicht kenne. Ich habe das lange Zeit bedauert, es ist beinahe unmöglich, etwas berechtigt und daraufhin gar wunderbar und rein zu finden, was durch kein Wort und durch keine Handlung seitens der elterlichen Gegebenheiten legitimiert ist. Hierzu sei das Beispiel der Masturbation zumindest angedeutet, wenn ich von dessen Ausarbeitung auch gewissenhaft Abstand nehmen möchte, immerhin ist meine Sexualität mehr l'art pour l'art. Und so rede ich gern von Freiheit, auch von Kühnheit und von Mut, von der Sprengung aller Ketten, um meiner weiteren Leidenschaft Auslauf zu geben, das pompöse, dadurch aber nicht unwahrhafte Pathos in jenem Raum auszustellen, den meine Mutter ihm, ich will vermuten: aus anständigen Gründen, allezeit zustellt. Das heißt, eigentlich rede ich gar nicht, das meiste ist in ein (bestechliches) Ja oder Nein fügbar, und dieses imaginäre Reden lässt sich nur im Schreiben tun. Wie sich so vieles im Schreiben dartun lässt; ich kann hier allem, das mir in meiner (natürlich innerlichen!) Abgeschiedenheit so fern ist, Namen geben; ich kann hier verteufeln und lobpreisen, anders ist die irdische Monotonie auch kaum zu erleiden; hier lässt sich Mutter auch anders sagen; hier lässt sich, lobpreisend, Viktoria oder, verteufelnd, Dagmar sagen, hier lässt sich vereinfachen und komplexer machen, hier, im Schreiben, ist Leben wirklich Leben und nicht nur das Austragen von Zugetragenem, hier wird aus dem Hin- ein Annehmen, aus dem Erleiden ein Erdulden. Hier kann ich endlich ganz im Unglück sein. Da mir die Mitteilung eines solchen bisweilen kolossale Freuden zubringt, schreibe ich gelegentlich Briefe in alle Welt, ich adressiere sie an wohlklingende Namen und ebensolche Adressen, hinterlasse jedoch keinen Absender, da eine (wahrscheinliche) Rücksendung unangenehmste Erklärungsnöte gegenüber meinem armen Mütterchen mit sich brächte. Hier ein Auszug aus einem der älteren Briefe, adressiert an einen gewissen Takeshi Takeda, irgendwo in Kobe:

 

„Hallo Brüderchen,

 

befinde mich im Kellerloch und zeichne meine neuerliche Kränklichkeit auf. Die Beschimpfungen in deiner letzten Replik waren enttäuschend, ernüchternd, unverständlich. Werde sie bei Gelegenheit an Muttern weiterreichen. Aber ich verzeihe dir, bist du doch alles, was ich noch habe an dieser kranken, kruden, krustigen Welt. Küsschen, Küsschen! Deine Gedichte haben mir sehr gefallen, du solltest sie ganz unbedingt öffentlich machen, vielleicht in einem Krankenzimmer, vor tattrigen Damen im Sterbemodus – wie will man denen helfen, wenn nicht so! Bin selbst schon ganz tattrig, fahrig, verliebt ins Nichts. Sag deiner Tante, ihre Blumen hätten mich aufgeheitert, für die Wahrheit ist es noch zu früh. […]

War letzthin auf einer Beerdigung, kannte den Verstorbenen gar nicht. Gab mich als dessen uneheliche Tochter aus, sorgte für gewisse Verstimmung bei seiner Witwe. Kann sie denn nicht ahnen, wie sehr mich ihre unbotmäßige Aufgebrachtheit kränkte! Sie war unanständig hässlich in ihrer Verwirrung. Fühle mich von allem fortgestoßen. Lege doch bitte die Decken der Nachsicht um mich, sonst friere ich mich noch zu Tode. Zu Tode!

Hast du auch fleißig das Büchlein studiert, das ich dir schickte? Blättere nicht nur hindurch, studiere es auch! Wo lässt sich das Leben besser erlernen als in einem Wörterbuch? Sag du es mir. Vielleicht in einem fehlerfreien Satz. Nur zu, mein kleines, seidenes Vögelchen. Hadere nicht!

 

Meteum stapende miputo et cela micrande – [Weckt nicht die Müden, sie sengen im Schlaf ihre Flügel]

 

Dein filigranes Florentinchen

 

P.S.: Will aus dem Leben scheiden. Weiß noch nicht, wie. Aber schick nicht wieder Arnika, hilft nicht.“

 

Sich aus einer erzwungenen Zusammenkunft, die mit Gemeinschaft gemein nicht viel hat, in dem Sinne auszugliedern, als man einer willkürlichen Reihe nach alle Gliedmaßen von sich abtrennt, bis nur mehr ein nervöses, amtsmüdes Herz auf dem Boden des Kellerlochs flackert, ist, angesichts des Lebenszwangs, der von den oberen Häuptern der familiären Körperschaft in unheilvolle Gebote korsettiert wird, nicht gar so einfach, als es die nächtlichen ebenso wie die täglichen Träumereien verheißen. Die Brotmesser, ich bemühe hier nur eines von unzähligen Beispielen, sind in den Hängeschränken gelagert, an deren oberste Regale ich ja nicht hinankomme! Und auf einen Stuhl oder einen Sessel zu steigen, auch von Schuhwerk unbekleidet, das dürft ich doch Muttern nicht antun! Die würde doch, an welchem Ort sie sich auch befände, instinktiv tot umfallen, noch bevor ich das Messerchen rechtens ansetzen könnte! Dies ließ mir die Einsicht zukommen, heimliche Lebenslust sei in meiner Situation die geschicktere Lebensweise. Dieses inkognito mit mir geführte Entzücken am Dasein war bald Anlass genug, mich auf die Suche nach meiner Ururgroßmutter zu machen, nach einer Ururgroßmutter, wie ich sie brauchte und wünschte, und ein Frevel, der hier denkt, dies sei die Suche nach mir selbst gewesen!

Wie nun war Begegnung mit ihr zu schaffen? Gewiss, es waren ihr Briefe zu schreiben. Aber dazu lasse man mich später kommen. Nun hatte ich endlich eine Aufgabe, mit mir verband sich eine geheime Notwendigkeit, ich hatte Nachforschungen anzustellen! Und mit welcher Hingabe dieses Sätzchen in mich stieß, wie es dort schnaufte und sich setzte! Auf nunmehr alle Fragen, die sich mir, von mütterlicher Seite herkommend, darboten, und viele waren es nicht und untereinander unterschieden sie sich auch kaum – denn das Hauptmotiv ihrer Fragen lässt sich kurzfassen: „Was gedenket das Fräulein, das doch nicht etwa zwischen dem angesparten Meublement herumfaulen möchte, zu tun?“ –, so antwortete ich stets und mit dem Flair ironischer Inbrunst: „Ich habe Nachforschungen anzustellen! Madame!“ Und dann verschwand ich, bevor mir ein solches Vorhaben als „herumfaulen“ hätte ausgelegt werden können, in den Verwinkelungen unserer Behausung.

 

Ich saß im Kellerloch, die Ellbogen auf die in den Schneidersitz gedrungenen Beine gestützt, und ließ Ururgroßmutters Portrait vor meine abgehalfterte, neugierige, schwarz-weiße Seele treten: Wie schön sie war! Ihre Augen waren, im deutlichen Gegensatz zu denen der mir sonst bekannten Familienmitglieder, braun und weich, aber die Falten in den spitzen Ausläufen derselben bauten ein dezentes, gleichwohl erkennbares Spannungsfeld auf, durch das sich ihr Blick, wenn er den weichen Augenmund verließ, eine sichtliche Spitzfindigkeit, ein untrügliches Gewissen und geistige Frische erwarb. Ihre Ohren waren etwas größer, als noch dem Durchschnitt zugerechnet werden zu können, standen aber nicht übermäßig weit ab und schlossen auch nicht direkt an den Anlauf des Unterkiefers an, fanden vielmehr durch fleischige Ohrläppchen einen beinahe kreolenhaften Abschluss. Kinn und Lippen eher geschwungen, ohne indes den Charakter einer Kleinmädchenschrift zu erlangen. Ich sah mich fest an ihrem Anblick, wollte mich diesem in der erdenklichsten Weise nähern und – biss hinein; so saß ich da, im Schneidersitz auf dem Kellerboden und entschlossen in die Luft beißend. Mein fester Blick schob sich durch den Raum, der nicht viel hergab, bis auf ein paar wenige kartonierte Behältnisse, in die ich, wie mir jetzt einfiel, bisher nie gesehen hatte. Ich erhob mich und ging vagen, unsicheren Laufes – man stelle sich ein eben erst geborenes Rehkitz vor – ans familiäre Erinnerungsreservoir; in jedem Karton Blätter, geordnet und ungeordnet, in diversen Manieren handbeschrieben, und die Lage übergoss mich mit einer nicht gerade sparsamen Ration Scham; wie ein beschämter Pudel also griff ich in die erste Kartonage und zog einige Blätter hervor. Mit besagter Scham verhangener Widerwille zappelte unverschämt in mir herum; eine neue in mir erwachsende Wirklichkeit trotzte ihm und allem, was da noch kommen sollte. Mehr als meine situative Dreistigkeit irritierte mich das Datum, das der ersten Aufzeichnung, die ich mir ansah, vorangestellt war. Es war zwar, wie die gesamte Aufzeichnung, schwer verblasst und nur mühsam entzifferbar, aber doch zu erkennen und lag beinahe ein Jahrhundert zurück. Mir stiegen wohl winzige, stäubchengroße Tränen in die Augen, es erklomm mich die tiefste Ergriffenheit angesichts eines Zeitdokuments solcher Bejahrtheit. Indes las sich dieses mit der Verflüssigung meiner Ergriffenheit noch schlechter, so wischte ich mir den Staub aus dem Gesicht und begann, die Anmerkungen meines Ururgroßvaters zu lesen.

 

„18.10.1912

 

Dieses Weib ist immer weniger zu erklären. Heute kauft es Blumen, mit denen es die Wände des Schlafzimmers behängen will, statt mit ihnen die Wohnlichkeit des Gästezimmers aufzubessern. Wie soll ich so noch in einen gerechten Schlaf kommen! Madame gibt darauf nur ein Lachen, überhaupt lacht sie vermehrt und wie selten den Situationen angemessen. Dennoch gelingt es mir, sie weiter zu lieben. Denn ihr Lachen ist selten abschätzig und von behaglicher Wärme, als wolle sie die anbrechende Kälte überdecken, als lache sie willensstark und mit zärtlichem Trotz in den Winter hinein. Die Butzlaffs, die immer seltener zu Besuch kommen, fragten mich letzthin, ob mit meiner Frau noch alles 'stimme'. Was für ein unsäglicher Moment. Gewiss stimme noch alles mit ihr, sagte ich so rüde, als die entzündete Stille das dickliche Metzgerpärchen zum Gehen einlud. Aber stimmt wirklich noch alles mit ihr? Sie ist noch immer so schön als einst, wenn mit zunehmendem Alter auch auf andere Weise, und manchmal von blitzartiger Klugheit – aber wie selten passen die üblichen Elemente an ihr noch zueinander. Wenn auch nicht mehr alles angemessen an ihr gestimmt sein mag, ihr Dasein ist noch immer voller Musik. Nur über das Schlafzimmer muss geredet werden, sonst tönt's bald Gebrause.“

 

Hierauf beschloss ich, zu sterben. Es gelang zunächst nicht. Einmal stand mir die Kaprice der Lebensfreude im Wege, die zu erwähnen mir übrigens schon auf den vorigen Seiten glückte, einmal aber auch die investigative Pflicht, hier, im Tümpel der Erkenntnis, nicht schon aufzugeben, mich nicht meiner biologischen Schlappheit zu ergeben, mich nicht dem Vorbehalt, der mir eine nähere Untersuchung meiner familiären Konnexionen versagt hätte, auszuliefern, sondern weiterzugraben, zu forschen und zu fahnden nach den Urursachen meines zerebralen, das heißt meines seelischen und psychischen, will sagen meines übersinnlichen Fiaskos. Irgendwo in diesen Aufzeichnungen musste sie verborgen sein: die Wahrheit. Nicht eine formale, nicht eine logische oder eine mathematische, auch keine universitäre Wahrheit, sondern eine sozusagen praktische, anwendbare, eine Lebenswahrheit. Der philosophische Laie, nämlich der Esoteriker unter meinen Lesern, wird noch am ehesten verstehen, welchen Grundgedanken zu formulieren ich mich hier mühsam anstrenge. Die Wahrheit, ist sie eine metaphysische, kann nur eine trockene, eine immer auffindbare und offensichtliche sein; ich aber meine eine latente, eine unsichtbare, eine, die weniger eine Identifikation der Vorstellungs- mit der realen Welt ist, als vielmehr eine, die ein Geheimnis ist, ein immerwährendes Rätsel, eine andauernd embryonale Wahrheit. Sozusagen eine potenzielle Wahrheit. Bevor mir hier aber das Missgeschick, das heißt die Frechheit unterläuft, einen unmöglichen Ernst abzugelten, will ich aus weiteren Briefen zitieren. Immerhin verspreche ich mir davon Einsicht in eine formidable Aussicht.

 

„21. Februar 1914

 

Helene ist, als Mutter nicht weniger denn als Ehefrau, heruntergekommen. Ein wirres, welkes Weib. Ohne Glanz, ohne den Schimmer des Schönen, ohne Scherz in der Visage. Wie viel bedrückender, angesichts dieses Verfalls, ist doch die Vermutung, ich möge dennoch vor ihr das Zeitliche segnen, nämlich sterben. Das wäre nicht zu verstehen. Wie trübe baumelt sie doch in der Hängematte der Zeit. Und wie lebhaft dagegen ich! Womöglich aber verkenne ich ihr Geheimnis: dasjenige der inneren Ruhe, die ein körperliches Fortdauern auch über die bekannte Zeit hin ermöglicht. Es bleibt wohl einzusehen, dass sie vor mir die Einsicht erreichte, ein dauerndes Abzappeln an den Belanglosigkeiten des Alltags sei dem biologischen Fortbestand doch eher hinderlich.

Aber wie haben sich die Umstände nur gekehrt in den Jahren. Meine frühere Diskretion habe ich ganz und gar aufgegeben, wohingegen sie, die einst so impulsiv gewesen war, so unbedingt lebenskräftig, nunmehr in einer seelischen Stille zu einer Souveränität findet, an der ich sie kaum noch erkenne.

Gleichviel! Wir werden noch sehen, wem von uns beiden das glücklichere Leben gelang.“

 

Dieser Ausschnitt, den sprachwissenschaftlich zu analysieren anderen überlassen ist, hatte geradezu erkenntnistheoretischen Wert für mich, was ich mit Vorsicht sage, auch wenn ich nicht darum bettle, man möge mir Nachsicht überweisen ob meines laxen Umgangs mit philosophischen Begriffen. Ich war auf der Suche nach der Einen, der Ersten, Allerersten – nach der Sinnwurzel meines Stammbaums, auf dessen Krone ich mich als den Goldschimmer wähnte, und was ich aber fand: das war der Andere, der Nächste, Allernächste – mein Ururgroßvater, das Fettauge auf der Suppe meiner Genealogie. Es war mir einiges nachzuholen, insbesondere das Mittagessen, dessen Einnahme ich, während ich im Kellerraum meine Zeit veredelte, vernachlässigt hatte. Der Abhub aufs Mittagessen aber verhinderte mir nicht den Blick auf mein eigentliches Versagen: die Ignoranz, die ich gegenüber allem Männlichen bewiesen hatte. Umgehend beglückwünschte ich mich, etwa zu der Geschicklichkeit, mit der ich irre. Dummerchen!, neckte ich mich und sprach mir nicht gleich, wie es Muttern gemäßer gewesen wäre, eine Rüge aus. Zur Strafe setzte ich das Mittagessen aus, so viel Strenge schien mir angemessen. Es war möglich, dass ich, während ich mir das Verbot der zeitnahen Nahrungszufuhr aufsagte, mein Unterbewusstsein zitiert habe, immerhin war eben noch der Ururgroßvater Gegenstand meiner erinnernden Rückbeugung, und neben seinen geistigen Eigentümlichkeiten, denen in unserer Familie ein Ruf von zweifelhaftem Ansehen bei ist, trat mir auch seine körperliche Erscheinung unmittelbar vor die Seele – beziehungsweise, wenn ich mich verbessern darf, mittelbar, da mir dieselbe nur von Photographien her bekannt war – und sogleich stand mir ein absonderliches Abdomen vor Augen, dass ich einen Globus aus synthetischem Gummi assoziierte, der nicht mehr die volle Spannung besitzt, und diesen Anblick beim allmorgendlichen Posen vor dem Spiegel furios fürchtend, war die Entscheidung gegen das Mittagessen eine Entscheidung auf mehreren Ebenen, wobei diese nicht im Widerstreit, sondern im Einklang standen, etwa mit sich selbst.

Aber diese – man kann es nur so sagen – mittelbare Begegnung mit meinem Ururgroßvater, deren Ereignisqualität die der vorigen sämtlich überragte, wies mich auf zwei Aspekte meines begnadeten Soseins hin, die mir zuvor nur vage durchs Gemüt gezogen waren, hierdurch aber konkretisiert wurden. Zum einen dachte ich ans besagte Spiegelbild, das mir, sobald ich den Gedanken an meine maskenhafte Schönheit überwunden hatte, unleugbare Assoziationen zum Gesicht meiner Ururgroßmutter vorschlug. Je deutlicher mir diese sozusagen natürliche Verwandtschaft geworden war, je mehr ich auch Gefallen an dem Gedanken gefunden hatte, in meinem Gesicht ließe sich die Idee einer Ahnenschaft erblicken, desto seltener besah ich mir das Portrait, das ich eingangs – in der mir eigenen Fabulierkunst – beschrieben habe. Hier nun aber, im Krankenzimmer meines Geistes, nämlich im Keller, dem Gedächtnis aller Familien, las ich die Großmutter der Mutter meiner Mutter beschrieben von einem Manne, der ihre Anwesenheit Tag für Tag erduldet hatte. Auch diese Aufzeichnungen, die mir nun wie ein heimlicher Brief an die Ururenkelin erschienen, gaben mir ein Bild von ihr nur mittelbar. Wo immer ich also auf sie traf – ob im Bild, im Wort, in meinem Gesicht –, dort war sie bereits übersetzt, war sie einige Stufen auf der Treppe der Entfremdung schon gegangen, und nie bekam ich sie wahrhaftig zu sehen. Es war mir ein Moment der Ernüchterung. Einmal deshalb, da hier die Wahrhaftigkeit mit der Leibhaftigkeit untrennbar verbunden war, wohingegen ich allezeit die Idee der Idee besungen hatte; und einmal aus Gründen grundsätzlicher Unüberbrückbarkeit: in welchen Momenten ich sie künftig auch anriefe, es würde mir nur eine von meinem eigenen Bewusstsein durchsetzte Präsenz erscheinen. Sie war mir nicht präsent gewesen, wie ich es all die Jahre so fest geglaubt hatte; ich war mir nur selber präsent gewesen und übertrug dasjenige, das ich nicht verstand, das vom Rationalen ins Atmosphärische überging und sich dort meinen Begriffen entzog, in die Vorstellung einer Frau, die all das Unverstandene verkörperte. Darin konnte ich es verwirklichen und legitimieren. Nun sollte ich mir, für das Ausplaudern einer Erkenntnis, die vom Leser geleistet werden müsste, auch jedes kommende Mittagessen noch versagen. Das allerdings ließe sich weder vereinbaren mit meiner biologischen Tradition noch mit den Gepflogenheiten in unserem Hause. Dennoch will ich auch den zweiten Aspekt noch formulieren.

 

Denn zum anderen dachte ich in besonderer Weise an meinen Ururgroßvater, den ich, solang mir das Denken gegeben war, immer nur schlecht beurteilt hatte, wobei sich das Prädikat 'schlecht', das ich gleich noch erläutern möchte, sowohl auf die ihm von meinem juvenilen Richterspruch zugewiesene Eigenschaftlichkeit, die ihn beinahe in unbedingte Gleichheit zu einem besonders schrecklichen Tier, einem Untier, sagen wir: einem Werwolf setzte, als auch auf die Qualität dieses Urteils selbst bezog. Dereinst hatte ich, im Zuge meiner schriftlichen Neigung, ein übernommenes Urteil über ihn im Tagebuch festgehalten. Hierin war alles Übel. Denn jedes Urteil, das ich schriftlich versetze, verhindert mir auf Jahre hin einen Neuanfang, eine von Grund auf neue Beschäftigung mit allem, das unter ein solches Urteil kam, denn die Schroffheit, mit der ich geurteilt habe, versagt mir die Neugier, und insgleichen die Offenheit, die einen Neuanfang erst möglich machen. Hier ist es mit meinem Ururgroßvater wie mit Büchern, in die ich, einmal hineingesehen und für untauglich befunden, auf Jahre hinaus kein zweites Mal sehe und den Neubeginn erst wage, wenn ich das erste Urteil ganz ausgezehrt habe, wenn ich von demselben ganz müde geworden bin.

Bezüglich meines Ururgroßvaters war es, im Gegensatz zu den Büchern, die immer nur zu mir und zu niemand anderem eine Beziehung hatten, sehr viel schwieriger, über das einmal gefällte Urteil müde zu werden. Denn es war nicht mein eigenes. Was ich an Urteil mit mir herumführte, war ein Konzentrat aus den Urteilen der gesamten Familie, die sich zwar in den diversen Ausschmückungen, in den Stufen der Strenge, nicht jedoch im Wesen unterschieden. Im Grunde genommen war auch dieses Konzentrat nur ein Surrogat eines echten Urteils, denn es war ganz ohne Begründung, es war eine Art Luftschloss, dessen Konturen, dessen architektonische Eigenheiten zwar herausgebildet waren, das aber ohne Fundament und so nur eine Idee meines Ururgroßvaters blieb, und übrigens eine ganz verkommene.

 

Jeder in unserer Familie – und damit beziehe ich allen männlichen Abwurf ausdrücklich mit ein (d.h. auch meinen Vater – Grüße!) – wird, wofern er das Unglück erleidet, auf meinen Ururgroßvater angesprochen zu werden, noch bevor er eine Auskunft erteilt, die – je nach Geschlecht rechte oder linke – Augenbraue erheben und zunächst die in unserer Familie hoch angesehene Kunst des Seufzens exerzieren, was vom mitleidig-piepsigen über den ignorant gezischten bis hin zum brummig gebratzten Seufzer geht. Ich für meine jugendliche Erscheinung bevorzuge den angejodelten Gaumenschwinger, dessen Rezeptur ich hier allerdings verschweigen muss, will mich aber, mit Übertritt in die Adoleszenz, am geseufzten Veitstanz probieren, was mir eine ganz außerordentliche Herausforderung scheint. Ist diese Kunst einmal aufs Höchste vorgeführt und wurde dieselbe angemessen rezipiert, etwa durch einen gegengeseufzten Laut der Abschätzung, der in unserer Familie zumal den Wert einer Abständigkeit besitzt, kommt es zur Sprache. Im Laufe der Zeit haben sich ehemals originäre Meinungen zu kultivierten Kodifikationen entwickelt – wobei man, statt von einer Entwicklung, lieber von einer Verwicklung sprechen sollte –, was sich gerade auch sprachlich äußert; so wird weniger vom Ururgroßvater beziehungsweise vom Urgroßvater beziehungsweise vom Großvater bzw. usw. gesprochen, vielmehr haben sich despektierliche Bezeichnungen etabliert, so dass wir eher vom „Schweinehund“ reden, vom „Esel“, von der „Kanalratte“, was eine unerfreuliche Beziehung meiner Familie zur Tierwelt anzeigt, und so könnte man sagen, nähme man meinen Ururgroßvater als Ururgrund meines familiären Elends: der Fisch stinkt vom Kopfe her, auch wenn es, mit Bezug auf das Bild des Stammbaums, eher zu heißen hätte, er sei die Wurzel allen Übels.

Wenn man so will, dient meine Familie mir als verkörpertes Tagebuch, das ein einmal aufgesetztes Urteil für alle Zeit in Geltung bringt. Es ist keine Reife, kein Impuls einer Erwachsenheit, es ist allein die Müdigkeit, die seelische, geistige Müdigkeit – und damit die Müdigkeit des Herzens –, die mich endlich an diesem Urteil zweifeln lässt. Aber wie sollt ich einen Neuanfang wagen? Die Wahrhaftigkeit meines Ururgroßvaters ist mit dessen Leibhaftigkeit zugrunde gegangen. Oder sollt ich eine solche Wahrhaftigkeit etwa in den Aufzeichnungen finden? Es ist verwirrend. Aber es ist noch eine Frage, die mich beschäftigt: Weshalb urteile ich über meine Ururgroßmutter, die einem ähnlich unangenehmen Ruf in meiner Familie ausgesetzt ist wie mein Ururgroßvater, milder und maßvoller, ja geradezu entschuldigender als über denselben? Beide verkläre ich, so viel ist sicher. Weshalb nur schlägt's bei der einen in diese, bei dem andern in jene Richtung aus?

 

Ich glaube, das heißt, ich bin versichert – nämlich durch den echten, unverfälschten Blick der Künstlerin auf die Erscheinungen der Natur –, die Wahrheit, wäre sie in Gestalt, könnte nunmehr gar nicht anders als mich zu umarmen für meinen aufrichtigen Versuch, ihr nahe zu kommen. Sie würde sich wohl leicht geschmeichelt fühlen. Das nämlich darf nicht verschwiegen werden, dass die Wahrheit eitel ist. Nichts lässt sie zu als sich selbst! Sie gilt sich unumschränkt. Schon die Annahme, etwas könne wohl wahr sein, birgt die Verunsicherung, die Gegenannahme: es könne doch nicht wahr sein. Dieser Zweifel bringt sie zur Raserei, zur Tollheit, lässt sie die rigorosesten Maßnahmen ergreifen! Oh, wie fürcht' ich mich vor der Wahrheit! Ist's doch sie, die letztlich über mich urteilt. Die über alle Menschen urteilt! Darin aber liegt auch der Trost: niemand kann ihr gerecht werden, nicht ein Einzelner, nicht die Gemeinschaft. Vor ihr wird alles Menschliche zur Lüge! Die Wahrheit ist genuin unorganisch, sie ist kein Vers, keine Melodie, nur ihr gelingt die unnachgiebige Gerade ins Nichts, d.h. in den Tod. Und jene Unnachgiebigkeit der Wahrheit ist das Fatum der Menschheit. Für diese Einsicht erwarte ich mir einigen Zuspruch, was als Aufforderung an den Leser verstanden werden kann. Denn eine solche Einsicht ist kein Glück, sie ist eine Anstrengung, die Erschöpfung nach sich zieht. Und im Schutzraum des Applauses gedenke ich mich von dieser Erschöpfung zu erholen.

 

Um der Genesung ihre notwendige Dauer zu geben, will ich weitere Aufzeichnungen meines Ururgroßvaters vorstellen. Manche derselben behandeln andere Themen, politische wie gesellschaftliche, wissenschaftliche oder geschichtliche, aber es sind mir ganz und gar nebensächliche; mich gehen allein die Beschreibungen seiner Frau an.

 

„9. Mai 1872

 

Heute saßen wir im Salon des Fräuleins von Immermann. Eine gütige, ordentliche Frau, wenngleich von mütterlich-betulicher Art, die meiner Helene ganz fremd zu sein scheint. Nein, die Helene ist eine Andere. Wir nahmen uns, als es dunkler wurde, ein Plätzchen abseits der Gesellschaft und sprachen, Helene dabei nicht ohne Galligkeit, von der Kunst. Sie hat ein großes, durchaus nicht unscheinbares, doch stilles Gesicht, aber es ist, wenn ich rauche und sie den weichen Dunstfäden nachsieht, kaum Veranstaltung darin, unbewegt alles: Augen, Lippen, Nasenflügel. Nun aber begann unser Gespräch:

'Nein, nein, mein Theo, nein: Ich sag es dir ein letztes Mal – wer unrühmlich von den Demokraten spricht, und mag es in molliger Metrik und kühnen Kadenzen vorgebracht sein, der kann ein Künstler nicht sein! Ein Künstler, ein wahrer Künstler, der ist mit den Demokraten.'

Ein stilles Gesicht noch immer, aber kein regungsloses mehr: vor allem andern ihre linke Stirnhälfte ist's, die nun, da ihr ein forsches Gefühl ins Gesicht geraten ist, sich nach oben hin, nach Art einer Trasse, aufs Künstlerischste schraffiert und dies Gesicht urplötzlich zum Monument einer Meinung macht, zum fazialen Manifest einer Haltung. Gleichermaßen bangend und amüsiert oder, was dasselbe meinen will, durch eine angenehme Unruhe beglückt saß ich diesem Gesicht vor. Sie sprach weiter:

'Versteh nur: es ist eine Frage der Moral! Nicht das faulige Gerede von einer überkommenen Moral, das der Adel so gern ins Gespräch bringt. Mit dieser wohlfeilen Sprache, diesen von seiner Schmierigkeit ganz ausgehöhlten Begriffen: Treue, Tugend, Vaterland, nicht zu vergessen die Eh-re – wie sie ihn ausschnalzen, diese geisterhaften Bruchbuben: ihren geschmacklosen, wächsernen Museumspatriotismus. Halb lacht man drüber, halb fürchtet man ihn. Nein, der Adel überträgt die Moral wie ein erbliches Virus, wie ein ewiger Giftkeim steckt sie in ihm. Oh, dieses großbürgerliche Getue!'

Ich gab zu Bedenken, auch unterm Adel fände sich manch vernünftiger, verständiger Geist. Sie war gleichwohl nicht zu beeindrucken.

'Wer nicht imstande ist, Theo, wer nicht willens noch fähig ist, einen solchen Geist vorzubringen, ihn im Kampfe gegen alles Heuchlerische einzusetzen, der hat ein schwaches Gemüt, nein – stärker noch: der hat ein schwaches Herz. Schwache Herzen aber verändern keine Welt.'

'Mir scheint, oh unfromme Helene, man muss nicht gleich eine Welt verändern, um ein solides Menschenleben abzuhalten.'

'Solide, Theo, solide! Ob du wohl sicher bist, mit mir in den Umstand einer Ehe treten zu wollen? Solide! Mögen noch so viele Menschen die Welt solide halten; wenn es keinen Künstler gibt, keinen wahren Künstler, ist das alles für die Katz! Einer muss den so-liiiden Menschen doch eine Moral vorzeigen, woher wüssten sie sonst, wie es um ihr Leben steht!'

'Und woher weiß es der Künstler?'

'Deine Frage ist direkt ungeschickt, Theo. Moral und Kunst sind eins! Die Moral ist das Genie des Künstlers!'

'Aber sind denn Kunst und Künstler wahrlich von derselben Identität?'

'Du willst mir besser nicht rhetorisch kommen, Theo. Das Werk drückt den Künstler naturgemäß aus. Ein Künstler, der sich nicht vollends durch sein Werk verrät, ist ein Verräter!'

Dies letzte Wort sprach sie so verächtlich, so beißend aus, dass es über eine Beleidigung schon hinausging. Ich wusste, sie sprach mit diesem Wort auch vom Adel. Ganz ohne Furcht sehe ich ihr Talent zur Empörung nicht, aber es ist auch was Liebenswürdiges darin, was Ermunterndes. Ja, gewiss möcht ich mit ihr in die Ehe, auch wenn ihr eruptives Herz unsern Stand sicher nicht beschweren wird. Aber lieber, so ist mir, mit ihr, Rabiata, in Gefahr geraten, als mit irgendeiner andern Frau ein ergeben-vornehmes Leben führen. Daran ist kein Zweifel oder doch nur einer, der vom Bewusstsein schon ins Gedächtnis zurückgefallen ist.“

 

Ich weiß nicht einmal, wie mein Ururgroßvater ausgesehen hat. Es hängt kein Bild von ihm in unserem Haus. Bei jeder Erinnerung an ihn, die mehr das Vorstellen einer literarischen Figur ist, denke ich mir neue Eigenheiten aus, die ihm wohl gestanden hätten. Indes ergibt diese Zusammenstellung von Eigenheiten kein kohärentes Bild von ihm; im Grunde stelle ich mir eine Art Fabelwesen zusammen. Die gegensätzlichsten Eigenschaften widerstreiten sich darin. Einmal ist er nur eine männliche Abschattung meiner Ururgroßmutter, einmal ein originäres Unikum. Nach einer Gesetzmäßigkeit verfahre ich hierbei nicht; es sind die Feste der Fantasie zu feiern, wann immer sie usw. Das bedingt natürlich einen gelegentlichen Verlust von Bildelementen. Manches Ausgedachte vergesse ich oder deute ich im späteren Moment anders als im vorigen. Bisweilen hat er, wenn ich ihn mir vor die ausgehungerte Seele treten lasse, ausuferndes, poetisch gewelltes Haar; dann wieder sitzt ihm ein Hut auf, wie ihn ein Fischer in alten Zeiten getragen haben mag; etwa sehe ich ihn in einem Selbstportrait Renoirs verkörpert. Oder er trägt gar keinen Bart, ist im Gesicht ganz kahlgeschoren, ist streng gescheitelt und in der feinsten Akkuratesse dem Alltag vorgesetzt. Und je nach bildlicher Vorstellung variieren auch seine charakterlichen Hauptzüge. Wohl traue ich ihm in einer moralischen Debatte nonchalante Äußerungen zu; in anderen Augenblicken gilt er mir als kategorischer Verfechter unantastbarer Grundhaltungen.

Allein, auch hier wiederhole ich das Unglück, eine in ihrer Form fiktive Figur mit meinen eigenen charakterlichen Ausschlägen auszubeulen. Ich kann meinen Ururgroßvater nirgends anders finden als in seinen Aufzeichnungen; nirgends anders! Aber die Dummheit begehe ich doch, ihn immerfort in mir zu suchen. Oder für das, was ich in seinen Notizen lese, eine Entsprechung in mir selbst zu finden und dabei einen psychologischen Kommentar mitzusprechen, der ihm weder gilt noch entspringt, ohne ihn gleichwohl nicht zustande käme. Es ist also die alte Wahrheit aufzurufen, es lasse sich das eigene Selbst, das gleichfalls vom Nebel der Idee seiner selbst sozusagen umschleiert ist, nur im Spiegel eines anderen, gänzlich fremden Selbst erkennen. Es mag das einem Logiker für ordentlichen Blödsinn gelten, aber es klingt so fein, dass ich es gern einige Zeit, will sagen absatzweise, als erkenntnisselte Monstranz vor mich hertragen will.

 

Nein, vergessen will ich sie, vergessen! Ich will nicht mehr das Große wagen, das Unbesteigbare, das nur zu schauen und nicht zu bezwingen ist. Aber Worte, das ist das Abscheuliche an ihnen, bezwingen allezeit den Gedanken, den sie forttragen von der Quelle in einen Ozean der Gleichgültigkeit, da jeder Gedanke neben dem nächsten steht und ihn ignoriert, wie sich Wasserschichten ignorieren und Fische, außer sie fressen einander. Man muss zunächst das Wort bändigen, damit es den Gedanken nicht schädigen kann. Also nur das Offensichtliche ausdrücken, damit das Unausdrückbare, das recht eigentlich das Leben spricht, weiter in der Latenz verbleiben, weiter unter den Worten hindurchtauchen kann. Man sieht, ich probiere mich gerade vorzüglich in Metaphern.

Was also ist das Offensichtliche? Das porträtierte Gesicht der Ururgroßmutter. Ein Gesicht, das vom Fleiß so wenig zeigt wie von der Unzufriedenheit, daher in unserer Familie, die beides, den Fleiß wie die Unzufriedenheit, in ihren Gesichtern tradiert hat, nur abgelehnt werden kann. Gleichwohl Schweizer sind sie nicht. Was aber eine ganz unbedeutende Verschiedenheit ist.

So ist also vom Gesicht zu reden, wenn ich das Offensichtliche meine, aber was leistet schon eine Beschreibung, wenn ich die Farben benenne, die Formen, mit denen es gestaltet wurde, nicht aber die geistige Füllung, die es mir zum Gesicht macht, zum Portrait? Oh, ich stelle gar famose Fragen, ich gelange zur fidelen Faselei, zur Fatrasie, zur Fazetie, zur Frottola, es fehlen nur die Verse, ich spiele Fangen mit dem Sinn, der Wahrheit, die beide sich frottieren entlang an den feinen Schichten eines rechteckigen Bildes, das mit der Erinnerung nur das eine gemein hat: sie formen die Wirklichkeit, ordnen sie, strukturieren sie, machen sie erkennbar, teilen sie in Einzelnes und fügen alles Einzelne wieder zusammen, sie machen aus dem Erlebten eine Erfahrung, und das alles gaukelt uns eine natürliche Logik vor, eine natürliche Unbedingtheit, eine Folgerichtigkeit, woraus wir einen tiefern Grund ableiten, eine Ursache, sei's die Libido, sei's das Èlan vital, letztlich aber Blinde bleiben in der Anschauung der Natur, die wir nur allzu gern zu unsrer machten, als seien wir Geschöpfte und Schöpfer zugleich, allein: wir sind bloß Hingeworfene, Ausgeworfene, Ausgeschiedene und Verscheidende, Ausscheidende und Verschiedene, wir sind der Schaum eines karriolenden Meeres, der Blinddarm, die Vorhaut einer Natur, die uns immer fremd bleibt, die wir in Zeiten einteilen, damit sie uns erkennbar wird, wie das Licht uns nur durch ein Prisma sichtbar wird, und jeder Zeit geben wir ein Gefühl, eine Farbe, einen Geruch, einen Ton: der Wehmut, der Nostalgie, der Sehnsucht, weshalb wir uns nicht eines eigentlichen, sondern nur eines zurechterinnerten Damals entsinnen, das übrigens ein ganz eigenwilliger Müßiggänger ist, und so geht der Atem der Jahre umso langsamer, bedächtiger, aber auch erschöpfter, desto weiter sie zurückliegen, desto eingefasster sie sind in etwas wirklich Vergangenes, das in einem Heute nur durch die natürliche Maschine der Erinnerung noch manches Mal wirkt, etwa im Gefühl eines Verlustes, einer albernen Tragik, die auch ich ganz unbedingt empfinde, wenn ich erneut das Portrait meiner Ururgroßmutter beschaue, nämlich in der unglücklichsten Verfassung, die ihren Puls aus einer beständigen Identitätsverschiebung herzieht, einer beständig wechselnden Identitätsmaske, einer Maske, die als Gesicht einzuschätzen nur Unverfrorenheit oder allergröbste Dummheit bedeuten kann. Dummheit, das ist das Stichwort für jeden Punkt. Man sieht, ich dilettiere noch in der Kunst der Interpunktion, verhandle in der herzlosesten Stimmung meine Einsichten, und zum einen deshalb, zum anderen, weil sie nicht im Suizid enden, gipfeln meine Selbstgespräche fortwährend im Desaster. Nicht dass einer denkt, ich wolle hier wirklich die Wahrheit aufsuchen, au contraire! Ich will mir selbst nur schmeichelnde Worte sagen.

 

„ 19. November 1918

 

Auf seltsame Weise verfeinert lag sie da, wie in einer umgekippten Vase. Als sei sie in einen Garten verlegt worden, der den Dreck irdischer Böden nicht kennt. Es war nicht der rechte Augenblick, Abschied zu empfinden oder irgendein Glück neben ein anderes zu stellen, um Abmessungen vorzunehmen. Glück ist kein Begriff mehr, das ist die Einsicht. Aber darauf baut sich kein neues Leben auf.

Ihre Bilder bleiben stehen, die Gestaltung des Wohnraums wird nicht verändert. Nichts wird verändert. Ich habe nicht die Kraft, irgendetwas zu verändern. Solange sie noch lebte, habe ich ihr und mir diese Kraft vorgemacht. Und wenn ihr Tod mir eines bedeutet, dann das Eingeständnis: dass ich diese Kraft schon lange nicht mehr hatte. Dass ich, solang sie lebte, nur auf alte Muster zurückgegriffen habe, um sie zu demonstrieren. Dass ich meine Jugend ins Alter kopiert habe. Meine Achtung, die ich vor mir selber empfunden hatte, war eine Lüge. Sie kam aus der Täuschung, ich hätte mich Helene nicht schon seinerzeit gebeugt gehabt. Das kann ich nicht mehr aufrechterhalten. Nur in der Beugung bin ich aufrichtig. War diese Beugung Verehrung, war sie Furcht? Ich will es nicht Liebe nennen. Aber vielleicht kann nur die Liebe einen Menschen hierhin und dorthin verschieben und ihn weiter glauben machen, er sei ein standhafter Mann. Und so bleiben ihre Bilder stehen. Sie wollen mich künftig an jenen trunkenen Ort einer männlichen Seele gemahnen, in dem Feigheit und Mut für ein menschliches Auge nicht mehr unterscheidbar sind.“

 

Worauf verlasse ich mich nun; worauf gründe ich mein künftiges Leben? Auf eine angenommene Wesensverwandtheit mit meiner Ururgroßmutter – oder auf den Sockel eines pflichtorientierten Lebens, das mir meine Mutter vorschlägt, aber bereits auch in einer Weise vorlebt, in der ich ihr nicht gleichkommen, nicht nachfolgen kann? Es ist gleichviel. Und so kann ich nicht mein eigenes noch ein fremdes Leben erzählen, sondern nur ein mögliches.

Das Erzählen spricht immer nur von etwas Möglichem, nur in der andauernden Potenzialität können Worte, die für sich so trocken und unbewegt auf einem Blättchen liegen, lebendig werden. Wie ich hier sitze und mich im Schreiben als ein Menschliches betätigen will, so bin ich doch ganz ein Autodidakt, ungeübt in der Mühsal des Erinnerns, das die Vorbedingung für alles Erzählen ist. Denn das Erinnern, das ist nicht nur ein Abrufen von Bildern, ein Wiedererklingenlassen von Tönen, das repetierte Schnuppern vergangener Düfte – in der wahrhaften Erinnerung gehen Bilder, Töne, Düfte und alles weitere durch Worte, durch eine Sprache, die ich erst, wenn ich alles formuliert habe, erfahren kann. Darin sind Worte etwa Handlungen ähnlich. Handlungen führt man, wie Worte in einem Text, zu Versuchszwecken aus: ob ein Wort mot juste, mot propre, mot rare ist, kann ich erst nachträglich feststellen. Werde ich mir eines Wortes zu sicher, kann ich es nicht mehr gebrauchen. Nur umwunden von Worten, deren ich mir unsicher bin, deren Potenzial ich nicht ins Letzte hinein ausentdeckt habe, kann ich etwas, das außerhalb der Sprache liegt, erkunden.

 

Ob ich ihr die Briefe geschrieben habe? Es war nicht sie, der ich schreiben wollte, ich selbst war es, ich selbst vor so und so vielen Jahren, der ich zu beichten hatte, alle Dummheiten eines kindlichen, jugendlichen Lebens. Betrachtungen gegen die Eitelkeit. Wenn möglich, wollte ich ein Gespräch führen, ein Gespräch mit einem früheren Ich, mit meinem Ich vor fünf Jahren, vor zehn Jahren, ja, ich hätte die ärgste Lust, mit mir, da ich ein Säugling war, aufs Unerbittlichste zu debattieren! Aber etwas Unüberbrückbares hinderte mich seit je. Was war es?

Der Gedanke daran aber blieb mir eine Herausforderung: Zunächst dächte man wohl, man habe das frühere Ich im Griff, könne es argumentativ bändigen, seinen Furor, seinen Impetus. Und müsste doch erkennen – und das heißt: anerkennen –, sich eingestehen: dass man, obwohl man beinahe gewiss ist, dieses Ich einmal gewesen, mit diesem Ich auf eine unbedingte Weise identisch zu sein, diesem Ich doch nicht beizukommen imstande wäre, dass man sich wahrscheinlich ignorieren würde, da beide einander lächerlich fänden – und wer wohl wen mit größerer Berechtigung?

 

Es wäre eine irrsinnige Unternehmung. Der Gedanke an eine notwendige Entwicklung, dessen Gegendarstellung ich lange und fälschlicherweise als eine kontraintuitive behandelt habe, ist absurd.

In der Kindheit verbrachte ich unzählige Nachmittage mit den heroischsten, insofern fragwürdigsten Phantasien. Eine davon war: in eine Vergangenheit zu reisen und einige der großen Werke, die erst künftig erscheinen sollten, schon dort zu schreiben, sozusagen abzuschreiben und doch mit ihnen zu debütieren. Von meiner kriminellen Veranlagung, die in dieser Überlegung offenbar wird, einmal abgesehen, war das auch der Gedanke, die Idee einer folgerichtigen, einer 'natürlich' genannten Entwicklung ad absurdum zu führen. Die kulturelle in gleicher Weise wie die persönliche Entwicklung ist eine kontingente. Eine Begegnung nun zwischen ungleichaltrigen, wenn auch sonst identischen Ichs könnte nur dann eine linear ineinandergreifende sein, wenn das Begreifen von Sinnhaftigkeit kein intuitives, sondern eines nach formalen Kriterien wäre. Oh, wie Muttern mich tadeln würde, läse sie diese altklugen Albernheiten! Vorsorglich will ich ein weiteres Essen aussetzen.

 

Ob ich noch etwas zu zitieren habe? Vielleicht aus der Bibel: „Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.“ Die Sprache der Menschen war an ihr Tun gebunden. Als es zu tun nichts mehr gab, war ihr Verhältnis zur Sprache irritiert. Durch die irrationale Potenz des Lebens, die hier in Gestalt Gottes offenbar wird, büßte der Mensch seine sprachliche Identität ein. Wo die Sprache endet, beginnt der Glaube. Die Menschen mussten zum Glauben inspiriert, bewegt, gezwungen werden – dazu musste man sie dessen berauben, was sie ihrer irdischen Existenz versicherte: eben der Sprache.

 

Ist es also meine Pflicht, die von der Naturordnung bestimmt ist, meine Sprache ans Notwendige zu binden und alles, was diesem nicht wesentlich entspricht, verkümmern zu lassen? Oh, man verlangt von mir, meine Jugend, meine Launen aufzugeben! Ich selbst werde muttern müssen! Ein unheilvoller Gedanke, dessen Gedenken ich so bald wie möglich zur Abdankung werde anhalten wollen. Ganz aber lässt er sich nicht tilgen, in einer schwach pulsierenden Panik lebt er fort, und mir ist, als wäre es doch das einzig noch Denkbare, meiner Ururgroßmutter, die mir sozusagen als mein späteres Ich erschiene, jene Briefe zu schreiben, die, eben weil hier das Lebendige mit dem Toten in Kontakt ginge, eine ganz unaushaltbare Unterhaltung bedeuteten. Ich werde mir selbst den Brief aufsetzen müssen, den zu schreiben recht eigentlich meiner Ururgroßmutter obläge. Einen Brief schreiben ohne Sprache! In einer Sprache schreiben, in der sich alles Sprachliche auflöst, in der das Wort zur Natur geworden ist. Aber diesen Gedanken hebe ich mir besser für eine Preisrede auf.

 

Liebe Ururenkelin, - nein, so förmlich will ich sie mir nicht vorstellen. Sie wird nicht viel auf die Distanz geben wollen, und wenn, dann bezöge sie sich doch wohl mit ein; also: Liebes frühere Ich, - nein, auch hierin ist zu viel Diskretion, zu wenig Herz! Sie wollte es doch anders versuchen, empathischer: Ewr Exzellenz! Ewr hochwohlgeborne Durchlaucht, Königin der zerrütteten Freundschaften und musisch begabte Veredlerin der Weltenseele – ach, nein, der Adel galt ihr nichts und demnach wohl kaum das Majestätische. Nun stelle ich sie mir doch als eine Fremde vor! Nicht anders aber kann ich ihr schreiben, als schriebe ich mir selbst! Nur so kann mir ein Brief von der Seele gehen!

 

Madame!

 

Die Zeit ist kaum vorgerückt, oder sie ist zu weit vorgerückt, bis in den Krieg hinein oder darüber hinaus. Ich werde von mir sprechen, von mir sprechen müssen, die Sprache darf nicht aus meinem Körper heraus. Nicht von meiner Tochter werde ich sprechen können, nicht von meinem Mann, nicht von Mutter oder Vater, nicht von all den Menschen, auf die ich mich verteilt habe, in denen ich mein Ich ausgestellt sehe, eingebracht, verformt oder verfilmt. Ich kann nicht von allen sprechen, oder, wenn ich von allen spreche, so kann ich nur von mir sprechen, aber wenn ich von mir spreche, spreche ich von einem Nichts, von einem aktiven Nichts, das sich bewegt oder nicht bewegt, das aber, wie mir scheint, sich zu bewegen immerhin die Fähigkeit hat, von einem Willen will ich zunächst nicht sprechen. Ich spreche ja gar nicht. Man muss sich das überlegen: Ich spreche nicht, mein Mund bewegt sich nicht, meine Mundhöhle ist kein Kosmos bewegter Worte, meine Lippen sind nicht das Tor zwischen zwei Sprachwelten, sie sind ungeübt, ein Grab. Ich schreibe. Und das macht etwas, das macht etwas mit mir und den Worten, die ich nicht spreche, aber von mir gebe, wie ich Kondolenzen von mir gegeben habe oder Glückwünsche, Blumen oder Gesten, aber das ist nicht richtig, diese Vergleiche sind unwahr, das Sprechen, das nicht spricht, sich im Schreiben erbricht, das heißt: ich, ich bin nicht vergleichbar, mit nichts, nicht einmal mit mir selbst, der ich mir, wie ich hier schreibe und nicht spreche, über die Schulter sehe, nein, nicht eigentlich über die Schulter, ich sehe mich nicht von außen, ich sehe gar nichts, ich sehe nur die Worte, die nichts sind, weil ich nicht weiß, ob sie ich sind. Ich spreche nicht in ein Nichts hinein, in eine offene Welt. Ich schreibe auf ein Blatt Papier, jedenfalls glaube ich, dass es ein Blatt ist, aus Papier ist, dass ich schreibe, auf ein Blatt Papier. Je öfter ich die Worte wiederhole, desto unsicherer werde ich um das, was sie bezeichnen. Sie sind keine Versicherung. Aber selbst das ist mir nicht versichert, so wiederhole ich sie ins Endlose, bis ich nur noch Worte wiederhole, sie spreche oder schreibe, sie schweigend wiederhole, und die Worte mir jene Wirklichkeit geworden sind, von der sie mich distanzieren sollten. Bis ich diese Worte bin, bis ich mir selber Wirklichkeit geworden bin, ohne dessen je versichert worden zu sein. Bin ich ein Blatt Papier? Das Blatt Papier, so stelle ich mir vor, ist eine andere Wirklichkeit, die ich in meine hineinzerre, die ich festhalte, dessen Ränder ich einziehe, dessen Zeilen ich verkürze, dessen Zeilen ich verlängere, dessen Rückseite ich beschreibe, oder nur schwärze, einschwärze, bedecke mit Farbe, ohne dass diese Farbe eine Form hat, die von Worten, von Bedeutungen zeugte. Ich zeuge nicht von Bedeutung. Ich zeuge von Zufall, ich bin mir selbst zugefallen, eingefallen, aufgefallen, und ich werde mich, wenn ich das Schreiben und Sprechen endlich gelassen habe, wieder vergessen können, ich werde aus mir herausfallen, als eine Andere, ich werde jeden Moment aus mir herausfallen und eine wieder und wieder Andere sein. Ich werde du sein. Und ich werde mich als dich vergessen können.

Ein letztes Aufbäumen. Ausbruch aus einer Ödnis, die ohne Zeichen in der Welt ist. Meine Welt, deine Welt, irgendeine Welt, in der meine und deine Welt keine gemeinsame Ordnung haben, meine Welt hat keine eigene Ordnung, nirgends ist eine Ordnung, nicht in mir oder auf dem Blatt Papier. Statt Chaos aber Ruhe. Was die Freude mit der Angst verbunden hat, hat sich aufgelöst. Keine Besessenheit mehr. Ich zucke kaum noch, seit ich den Zeitpunkt übergangen habe. Was ich bin, ist nicht stoisch, ich habe mich nicht gemäßigt. Ich habe mich übergeben. Ob ich etwa gestorben bin? Das sähe mir ähnlich.“

 

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Wir sitzen in der Kantine, wir sind allein, er hält Anne, das Mädchen aus der Weltbildabteilung, für ein ‚stilles Wasser’. Das heißt, für tief und dreckig, was er gleich anfügt, ich weiß noch nicht, ob ich ihn gerade vertrage oder nicht. Die Uhr über der Theke hat keinen Sinn für gerechte Zeit, sie geht kaum voran. Er, Martin, und die Uhr liefern sich einen Wettkampf um Unverträglichkeit, Martin redet jetzt ununterbrochen, er liegt vorn. Ich bin heute unrasiert, ich fahre mir mit der Hand über die Wangen hin zum Kinn, das ich mehrmals streife, meine Finger werden beinahe rau. Ich habe keine Meinung zu Anne, aber ich sage: Vielleicht ist sie wirklich so langweilig. Wer? Anne. Glaubst du? Weiß nicht, vielleicht. Der Minutenzeiger der Uhr hat zehn Minuten auf einmal genommen, Martin stellt sein Tablett auf die dafür vorgesehene Ablage, ich den Aschenbecher auf die Theke, wir verabschieden uns von der Kantinenfrau, als sei sie eine von uns, und gehen zum Fahrstuhl.
Am Telefon stelle ich die üblichen Fragen, mein Kopf liegt seitlich auf dem Tisch, ich sehe aus dem Fenster und rede gleichmütig ins Headset. Alles ist wichtiger als das Telefonieren, das Aus-dem-Fenster-Sehen, das Trinken, das Pissen, das Wieder-Trinken, das Wieder-Pissen, das Notieren von absurden Sätzen, die keinen Zusammenhang vertragen. Am Ende des Tages habe ich sechsundzwanzig Abschlüsse, achtzehn Frauen und acht Männer, ich kann mich an keinen erinnern. Das Erinnern wird zu einer Tätigkeit aus der Vergangenheit, an die ich mich nicht erinnere. Neben mir sitzt Martin, hängt das Headset über den Monitor und ergeht sich in den üblichen Fragen: Und, wie viele haste? Sechsundzwanzig. Wow. Du? Vierzehn. Wow. Ich lasse die Jalousien herunter, werfe die absurden Sätze in den Mülleimer, verabschiede mich von den Mitarbeitern, als sei ich einer von ihnen, und gehe zum Fahrstuhl.

Draußen legt sich ein bisschen Sonne auf mein Gesicht, ich stehe vor dem Hintereingang und überlege, ob ich loswerden möchte oder aufnehmen. Es ist warm und ich weiß nicht, weshalb ich rauche. Wenn ich ziehe, legt mir die Zigarette die Mundhöhle trocken, ich brauche etwas zu trinken, denke ich und gehe in eine Richtung, die mir jeden Nachmittag fremd vorkommt, ich gehe nach Hause.

Ich habe mir angewöhnt, den Schlüssel aufs Waschbecken zu legen, so weiß ich jeden Morgen, wenn mich der urinale Drang ins Bad schiebt, dass ich zur Arbeit muss. Morgens habe ich vergessen, die Wasserflasche in den Kühlschrank zu stellen, also trinke ich aus dem Wasserhahn und lege die Flasche ins Tiefkühlfach. Im Radio läuft Musik gegen das Vergessen, ich setze mich an den Schreibtisch und lese eine Tageszeitung, die schon einige Tage dort liegt. Der übliche Fortsetzungsroman ist diesmal von einer alten Frau, die dem Herausgeber der Zeitung recht nahe steht, ihre Prosa liest sich wie Brot, das tagelang offen herumlag. Ich überlege, mich in einem Leserbrief über Vetternwirtschaft und korrumpierte Herausgeber auszulassen, aber mein Mund ist so trocken, dass ich nicht denken kann. Also fällt mir Anne ein. Die blond ist und Humor hat wie verschimmeltes Brot, also keinen. Sie hat auch keine Brüste, oder kaum, und ihr Haar ist zu lang, um frech, aber zu kurz, um aufregend zu sein. Was ich mit Anne reden könnte, denke ich, wenn wir uns in einem Café gegenübersäßen. Vielleicht über die Arbeit, natürlich über die Arbeit, nur über die Arbeit. Ob es für sie Arbeit ist, könnte ich sie fragen, würde ich aber nicht, weil ich keine Fragen stelle und zumal nicht Anne. Anne ist wie die Notizen, die man wegwirft, weil sie nicht gut genug für einen Leserbrief sind. Vielleicht passt Martin zu ihr, immerhin weiß ich von beiden nicht einmal die Nachnamen. Vermutlich Huber, das würde zu beiden passen. Während des Kreuzworträtsels denke ich wieder an die Flasche, die ich immer zu lang im Tiefkühlfach lasse und die dann erst wieder eine halbe Stunde auf dem Fensterbrett steht, damit sich die Eisklumpen auflösen. Die Sonne geht mählich über die Dächer hinweg und das Zimmer nimmt jenes Grau an, das mir vertraut ist. Als ich das Lösungswort habe, lege ich den Kugelschreiber weg und nenne mich Anne. Wie peinlich das ist, denke ich, nur das Lösungswort haben zu wollen. Nur weil die Menschen sich ihre Peinlichkeit nicht eingestehen, können sie jeden Morgen zur Arbeit gehen. Aber Anne nennen kann ich mich auch nicht, denke ich, und gehe verschiedene Varianten durch, Anner, Annhard, Anus, alle sind bescheuert. Morgen werde ich meine Zigaretten zu Hause lassen und Martin in der Pause nach einer fragen, um zu sehen, ob er mich tatsächlich mag oder sich nur das Unglück erträglich zu machen versucht, neben mir sitzen zu müssen.


Die Zigarette habe ich bekommen, in der zweiten Pause reicht er mir sogar von selbst eine hin, ich nehme sie und suche nach einem Zögern in seinen Augen. Ich finde es nicht, aber das gibt mir keinen Aufschluss. Vielleicht ist es Erziehung, denke ich, vielleicht ist man auf diese zuvorkommende und überaus verständnisvolle Haltung schlichtweg trainiert. Scheiß Traditionalisten, denke ich und ziehe länger als sonst an der Zigarette. Er hat vermutlich mehr als ein Auge auf Anne geworfen, er redet schon wieder von ihr. Ihre Kleidung ist so brav, sagt er und sieht verwegen auf das gegenüberstehende Gebäude, als würde das alles erklären. Ich mag keine Erklärungen, aber ich kann ihnen nicht immer aus dem Weg gehen. Es ist Arbeitskleidung, sage ich. Also ist es Arbeit für sie, sagt er. Die Sonne ist blasser als gestern, aber sie ist unbeeindruckt davon, sie wird heute nicht früher ins Bett gehen als gestern. Auch nur antrainiert, denke ich. Die Filter seiner Zigaretten sind länger als meine, das verkürzt die Raucherpause um anderthalb Minuten und lässt etwas Unbefriedigendes zurück. Glücklicherweise müssen wir länger als erwartet auf den Fahrstuhl warten, alles ist wieder in Ordnung.
Vierundzwanzig, sage ich, warte drei Sekunden und dann: Wow. Martin lächelt, als sei ihm soeben Anerkennung zuteil geworden, vielleicht hat er heute mehr als ich, ich weiß es nicht. Ich lasse den Schutz an den Kopfhörern, werfe Sätze in den Mülleimer und nicke Martin verabschiedend zu. Du lässt die Ohrpuschel dran?, fragt er. Die was? Den Schutz an den Kopfhörern. Ach so, ja. Ich sehe mir nicht mehr seinen Blick an, womöglich fände ich darin Unbehagen, aber es ist seines und es soll bei ihm bleiben. Auf dem Weg zum Fahrstuhl, der tatsächlich ein Weg ist, gehe ich an der Weltbildabteilung vorbei und lächle Anne zu. Mir fällt kein Grund dafür ein. Sie sieht zurück, als wüsste sie nicht, wie man lächelt. Vor dem Fahrstuhl ertrage ich das Warten nicht und gehe die Treppen hinunter, wie man seinen Kopf aus der Guillotine zieht, weil einer aus dem Publikum ruft: Er ist unschuldig! Ich renne beinahe. Ich muss hier raus, bevor ich es wirklich bin.


Obwohl ich fünfzehn Stunden Zeit habe, gehe ich zügig nach Hause. Mein Schritt ist streng, wie das Hämmern auf eine alte Schreibmaschine und das beständige Klappern dabei sind meine Gedanken. Es sind metallene Gedanken, das Wiederholen von eigentümlich unpersönlichen Sätzen. Während ich die Wohnungstür aufschließe, erwarte ich Fremdes in den Zimmern. Aber es ist meine Wohnung, ich wohne allein hier. Das muss ich noch lernen. Ich sehe in den Kühlschrank, aber es ist nichts darin, das ich brauchte. Mit dem Radio ist es ähnlich, also setze ich mich auf den Toilettendeckel und lasse Wasser aus dem Hahn laufen. Ich lehne meinen Kopf an die Wand und höre auf das Rauschen. Das Bad ist nur teilweise gefliest, die Zementerhebungen an den Wänden, diese enorme Menge an Punkten, wirken wie Gedanken und die Wände sind hierbei mein Kopf, er hält sie zusammen. Ich setze den Stöpsel ins Waschbecken, lasse etwas Wasser einlaufen und schütte Waschmittel und Weichspüler darein. Als Kind hatte ich den erzschlauen Wunsch, Corega-Tabs zu lutschen. Dieser Wunsch ist verfallen. Mit der Zahnbürste rühre ich in dem Gewässer herum, von den Punkten an den Wänden kommt kein Impuls. Ich lasse das Zeug ablaufen und lege mich ins Bett, vielleicht habe ich Glück und kann bis Mitternacht schlafen.


Sag mal, sagt sie und sagt weiter nichts. Ich ziehe beide Augenbrauen hoch, weil ich noch nicht gelernt habe, nur eine zu betätigen und die andere ungerührt zu lassen. Es muss dämlich aussehen, also antworte ich. Ja? Mit den Tarifwechseln und so, sagt sie und sagt weiter nichts und wir stehen wieder so marmorn rum. Was ist mit den Tarifwechseln? Na, wie läuftn das so? Ich bin keine Tarifinstanz, sage ich, aber nur zu mir selbst. Ich wollt gerad Pause machen; vielleicht kommst du ja mit. Sie nimmt ihre Zigaretten und dann gehen Anne und ich in die Pause.
Also, das mit den Tarifwechseln, sage ich und weil ich nicht als inkommunikativ gelten will, pausiere ich jetzt auch. Ach, das mit den Tarifwechseln, sagt sie. Ja, sage ich. Wir stehen um den Aschenbecher vor dem Hintereingang, der aussieht wie ein alter Grill, und sehen aneinander vorbei. Es gibt jetzt keinen Unterschied mehr zwischen Sekunden und Minuten, die Zigaretten brennen herunter, ich sehe mich am Grill fest. Was machstn nach der Arbeit so? Sport, sage ich und bin überrascht von diesem Reflex. Sport, denke ich, damit machst du dich bestimmt interessant, Sportler sind vermutlich die langweiligsten Menschentypen überhaupt. Auf die Frage, weshalb ich mich interessant machen möchte, finde ich keine Antwort. Und heute so? Wieder ist Sport mein erster Reflex, aber ich unterdrücke ihn. Weiß noch nicht, sage ich. Mh, sagt sie und es wirkt so abschließend, dass ich mich frage, was das für ein Satz sein soll. Sie drückt ihre Zigarette aus und ich frage es: War das ein Satz? Was? Das Mh. Weiß nicht. Ich weiß nicht, was ich denken soll, also denke ich an die verschiedenen Tarifwechsel, die wir anbieten, und dass ich jetzt lieber einen Situationswechsel hätte, aber während wir vor der Hintereingangstür stehen und ich sie ihr öffne, sieht sie für einen Augenblick unangemessen hübsch aus, vielleicht lächelt sie gerade, und in ihre Wangen legen sich kindliche Falten, an denen ich mich für etwa zwei Sekunden festglotze. Warum fragst du, frage ich. Nur so.


Die letzte halbe Stunde auf Arbeit ist eine private, vielleicht privater als die Zeit zuhause. Man verliert den unsicheren Kontakt zur Zeit, sie wird vergehen, das ist gewiss. Endlich kann man denken, was man denken will. Hierbei denke ich an Anne, aber es ist kein Nachdenken, mehr so ein Drüberwegdenken. Sie ist nur ein Bild und mein Kopf ein Museum, ich stehe vor dem Bild und sehe es an. Ich weiß nicht, was der Künstler sich dabei gedacht hat, und vermute: gar nichts. Womöglich war Anne so ein Pausenbild, eines, das zur Erholung zwischen zwei tiefen Werken gemalt wurde. Aber irgendeine Bedeutung muss es haben, sonst hinge es nicht im Museum. Das Betrachten des Bildes macht mich gesprächig, ich zeige Martin meinen Zettel mit den Strichen, jeder Strich ein Abschluss. Einundzwanzig Striche. Martin nickt, aber nach oben, dann hält er den Kopf an und sieht wieder auf seinen Monitor. Noch zehn Minuten, ich überlege, ob ich Anne wieder anlächeln soll, dann generiert mir das Programm eine neue Adresse und ich habe eine Kinderstimme am Hörer. Gibst du mir bitte deine Mutti oder deinen Papi? Entschuldigen Sie mal, ich bin die Mutti! – Oh, entschuldigen Sie. Dann können wir beide lächeln und ich meinen letzten Strich für heute machen. Und, wie viele haste? Aber Martin antwortet nicht, sagt nur: Dann bis morgen. Auf dem Weg zum Fahrstuhl, der heute keiner ist, will ich Anne zulächeln, aber sie sitzt nicht auf ihrem Platz. Na gut, sage ich so daher und gehe die Treppen hinunter, wie man auf dem Marktplatz herumspaziert, weil heute wieder ein Kopf in der Guillotine liegt.


Der Weg zur Arbeit ist mir immer rätselhaft geblieben. Zwar kenne ich den Weg, ich könnte ihn blind laufen, aber das eigentliche Rätsel ist das Gehen. Ich habe kein Gefühl für die richtige Gehgeschwindigkeit, ich gehe jeden Tag anders. Wenn ich die Zeit dabei messe, ziehe ich unverhältnismäßig an, als stünde ich in Wettbewerb zu meinem gestrigen Ich. Dann brauche ich etwa zwanzig Minuten. Also plane ich diese auch für den nächsten Tag ein, aber dann messe ich die Zeit nicht, laufe gemächlich in meinem Museum umher und brauche fünfundzwanzig. Eine intuitive Kontrolle habe ich nicht. Einmal in der Woche messe ich die Zeit, heute ist ein anderes Mal und ich sitze in der Minute nach Arbeitsbeginn an meinem Platz.

Martin scheint seine gestrige Distanziertheit vergessen zu haben, er lächelt mich bis zur ersten Pause regelmäßig an, und ich lächle zurück, als seien wir verhinderte Freunde. Je kürzer die Zeit zum Einrichten meines Arbeitsplatzes ist, desto unvermittelter beginnt das Telefonieren für mich. Es gibt keine Überlegungszeit, ich nehme die Arbeit schneller, das heißt oberflächlicher an, ich habe eine gute erste Stunde. In der zweiten läuft es plötzlich nicht mehr so, erst gibt es keinen Grund dafür, dann denke ich an Anne. Vielleicht habe ich zuerst an Anne gedacht, bevor es keinen Grund gab. Was soll das, denke ich, du willst gar nicht an sie denken. Was so nicht stimmt. Noch weniger als man weiß, was man denken muss, hat man eine Ahnung davon, was man denken will. Ist auch unerheblich, denke ich dann und sehe zu Martin, der huberiös ins Headset redet. Vielleicht muss er sich diese Freundlichkeit wirklich nicht antrainieren, denke ich. Als wir zum Fahrstuhl gehen, wage ich einen heimlichen Blick zu Annes Platz. Aber sie sitzt wieder nicht da, also tue ich, als würde ich aus dem großen Fenster auf die Dächer der Stadt sehen. Den Blick auf die großen Dinge, denke ich, hat man nur in den kleinen Situationen. Gleich will ich mich über den aphoristischen Charakter des Gedankens freuen, aber dann stehen wir schon vor dem Fahrstuhl und Martin erzählt mir von einer Frau, die er soeben am Telefon hatte. Die hat auf Richtig/Falsch-Fragen ständig nur ‚ja’ gesagt, sagt er. Aber war auch eine Ausländerin, fügt er an, während ich im Spiegel des Fahrstuhls meine Haare zurechtlege. Vor dem Grill will ich ihm eine meiner Zigaretten geben, die Sonne schläft hinter einem grauen Putzlumpen von Himmel, es ist mehr ein Bedürfnis als Freundlichkeit. Nee, lass mal, sagt er, schon gut.

28.1.13 14:39, kommentieren

Im dritten Jahr nun, das mir endlich das Gefühl der Sesshaftigkeit gibt, teilen wir unsere Nachbarschaft. Es ist ein Nachbar, für den nur das Genie des Zufalls sorgen kann: ein älterer Herr, aber weder besonders ältlich noch unangenehm herrenhaft. Im Gegenteil, er ist von einer genügsamen Enthaltsamkeit, ohne jene eitle Greisenhaftigkeit, die ich im Hinblick auf meine eigene Alterung an mir selber befürchte. In der Körpergröße ist er nicht überragend, was mir wohltut, da ich selbst nicht sehr großgewachsen bin und kaum einmal die Möglichkeit habe, auf einen Menschen herabzusehen. Seine jetzige Größe scheint mir auch seine natürliche, seine eigene zu sein; er sieht nicht gedrungen aus, nicht peinlich geschrumpft, seine Bewegungen wirken stimmig. Manchmal könnte ich nicht sagen, wenn er im Treppenhaus die Stufen zu mir hinaufkommt, ob es sich um einen gestandenen, altersbewussten Mann handelt oder um einen zehnjährigen Jungen, der in eine Militäruniform geschlüpft ist. Behände meistert er die Treppen, die ins oberste Stockwerk hinaufführen. Natürlich, ganz ist eine Alterung nicht zu leugnen: Sein Haar ist durchaus nicht das eines Jungen, es ist bereits weiß, oder grauweiß, als sei ein Nieselregen über eine verschneite Wiese gegangen. Gleichwohl liegt es ihm in bemerkenswerter Ordnung auf dem Kopf, nicht fusselig, nicht liederlich, sondern so, als wachte noch immer eine besorgte Mutter über die Frisur ihres Kindes. Manches zwar entzieht sich der mütterlichen Fürsorge: sein Gesicht ist merklich von einer gewissen Altershärte überspannt. Aber er blickt diesem Verfall, der ein Entgegenkommen der Natur zu sein scheint, energisch entgegen – mit seinen kleinen fleißigen Augen. Das sind Augen wie Feldherren, mehr erobernde als bewahrende. Disziplinierte, aber humane Augen. Wenn sie mich ermittelt haben, sichern sie mich wie bei einer vorgegebenen Verhaftung. Ich wurde erwischt, bleibe durch die Großmut der Exekutive aber vorläufig frei.

Als sei alles nur ein Spiel, als bestreite er nur zum Zeitvertreib dieses Leben, verweigert er die Ermüdung, die das Altern für gewöhnlich bedeutet. Er wirkt, anders als ich, nicht resigniert über die Unerbittlichkeit des biologischen Diktats, als sähe er Vergänglichkeit nur als eine Idee von gelangweilten Literaten an. In einem Bauernroman könnte es etwas sentimental über ihn heißen, er sei ein zäher Bursche.


Es ist dieser lebhafte Eindruck, der mir an ihm imponiert und den ich an mir selber vermisse. Diese unerschrockene Gewandtheit, in der sich, wann immer ich auf ihn treffe, das Urpotenzial der Menschheit zu erneuern scheint. Im Stillen demütigt es mich beinahe. Dieser Eindruck mag keine Fakten abbilden, denn insgesamt weiß ich wenig von seiner Belastbarkeit. Aber ich bin von ihm, wie von einem Buch, atmosphärisch gebannt. Und wie ich einem Schriftsteller, wenn er mich beeindruckt, kindlich nacheifern und die Charakteristika seiner Sprache in meine eigene übertragen will, so orientiere ich mittlerweile meine Physis an der meines Nachbarn. In Augenblicken, wenn er das Zähe mit dem Leichten so mühelos verbindet, entsteht eine alterslose Sinnlichkeit, zu der mein eigener körperlicher Ausdruck, da ich nicht selten leicht geduckt oder gekrümmt umhergehe, keine Entsprechung darstellt.

Zugegeben, es ist mehr eine ideelle Orientierung. Mein Wille zur körperlichen Anstrengung ist nur ein gelegentliches Kribbeln, eine dauernde Anlage dazu fehlt mir. Dennoch begann ich vor einiger Zeit, meiner Bequemlichkeit versuchsweise zu trotzen. Die ersten Schritte waren buchstäblich gangbare: Statt mich, wie ich es gewohnt war, vom Aufzug eskortieren zu lassen, nahm ich nun – noch nicht auf-, aber immerhin abwärts – die Treppen. Ein lächerliches Fitnessprogramm, es entging auch meinem Nachbarn nicht. Eines Tages sahen wir uns im Treppenhaus, er tänzelte sich an mir vorbei die Stufen hinauf, ich trottete sie hinab.

„Aber warum nehmse denn nich den Aufzuch?“ fragte er.

„Um sportlich zu bleiben!“ gab ich strebsam zurück.

Für einen Augenblick blieb er stehen, als stutzten seine Füße über meine Auskunft.

„Aber dafür müssense doch rauf!“

„Zehn Stockwerke?“

„Na, in Ihrm Alter, da müsstense doch die Beine für haben!“

„Und wenn ich Einkaufstaschen bei mir habe? Nein, dann nehme ich doch lieber den Aufzug.“

„Aber wennse die Treppen runtersteigen, des nützt Ihnen nischt, da machense nur Ihre Knie kaputt.“


Es ist seine ironische Veranlagung, die ich nicht einschätzen kann. Eine Ironie, die nicht auf sich selbst verweist und, wie man es aus bedeutenden Büchern kennt, geradezu entdeckt werden muss, sie erst macht einen Menschen zum Geheimnis. Halb möchte man, halb möchte man es nicht aufschlüsseln, denn wenn es dahin ist, ist auch der Mensch dahin.

Häufig aber habe ich die Möglichkeit nicht, dieses Geheimnis zu studieren. Im ersten Jahr gab es eine Woche, in der ich ordentlich zu leiden hatte. Auf die denkbar indiskreteste Weise: Eine Grippe hatte meinen stofflichen Abschwung verursacht. In solcher Zeit bin ich sehr schreckhaft. Die einzige Beruhigung fand ich in der visitären Anwesenheit meiner Freundin. Abend für Abend hatte sie die Aufgabe, mich liebevoll in den Schlaf zu trösten. Keine leichte Aufgabe, wie ich mir habe sagen lassen müssen. In einer späteren Rekonstruktion dieser Abende gab sie an, schon kleine Unregelmäßigkeiten ihrer Stimme hätten mich zur Todessehnsucht veranlasst.
Neben ihren eigenen Trostbemühungen hatte sie nebenher den CD-Player laufen lassen; von klassischer Musik ging sie bald über zu Hörbüchern. Die Musik hatte mein Unwohlsein nur begleitet, in der Konzentration auf den Sprecher und das, was er vorlas, wurde ich davon jedoch abgelenkt. Zudem machte es mich müde. Und der Müdigkeit bedurfte ich, insbesondere einer solchen, in der zwischen Wohl- und Unwohlsein nicht mehr zu unterscheiden ist. Nur so ließ sich einschlafen.
Wie lang ich an jenem Abend schon geschlafen hatte, kann ich nicht sagen. Aber die Tiefschlafphase hatte sich wohl zügig eingestellt. Furios wurde ich aus ihr herausgerissen. Meine Freundin hatte, um meinen Schlaf nicht zu irritieren, das Gerät nicht ausgeschaltet, stattdessen nur versucht, den Ton leiser zu stellen. Wovon sie freilich nicht unterrichtet war: Der Lautstärke-Regler meines CD-Players ist defekt oder jedenfalls eigenwillig. Man muss ihn sachte, in jener möglichsten Vorsichtigkeit, in der man einem Kleinkind zum ersten Mal in dessen Leben die Fingernägel schneidet, in die gewünschte Richtung drehen, um nicht schlagartig entweder den Ton in eine für ein menschliches Ohr nicht mehr messbare Lautstärke aufzudrehen oder ihn aber abrupt auszustellen. Davon ohne Kenntnis, aber immerhin in der besten Absicht, heizte sie so dem Ding mächtig ein. Gnadenlos fuhr sie den Ton hoch, der unter ihren Anstrengungen, das Missgeschick zu korrigieren, nur immer und immer lauter wurde. Als hätten sich alle Töne der Welt zu einem einzigen, überirdischen Geräusch verwandelt. Ich schrie jämmerlich auf.


Tage später, ich hatte mühsam in die Gesundheit zurückgefunden, stand ich, mit Einkaufstaschen bepackt, im Erdgeschoss und wartete auf den Aufzug. Dieser Aufzug fährt nur bis in den neunten Stock hinauf, das letzte Stockwerk muss man sich erlaufen. Das mögen, nimmt man das Schließen und Öffnen der Türen dazu, nicht mehr als zwanzig Sekunden sein. Sobald man aber eingestiegen ist, sobald sich der Aufzug geschlossen hat und nach unten schiebt, verändert sich die psychische Ordnung. Man kann die Zeit, und sind es nur die zwanzig Sekunden, nicht durch Bewegung beschleunigen, man hat sie auszudauern, es ist ein Warten wie beim Arzt. Was bleibt, ist der Rückzug ins Gedankliche. Für eine große Phantasie oder assoziative Weltreisen ist nicht die Zeit, also versteigt man sich in einen kleinen Gedanken, in einen unbedeutenden, vielleicht singt oder summt man sogar, grimassiert wie ein Clown. Man ist vor der Welt verschlossen, abgeriegelt, wird nicht gesehen noch gehört. Man vergisst, an welchem Ort man sich befindet. Man ist nicht im Aufzug, fährt nicht von oben nach unten, hat keinen Alltag vor sich – man ist in sich selbst, unter anderem versunken.
Nun kam der Aufzug unten an. Ruppig stoppte er ab, gab noch ein düsteres Strampeln von sich und hielt endlich still. Die innere Metalltür, die haptische Zugriffe ignoriert, schob sich seitlich in die Wand, dann zog ich die äußere Tür, in der ein kleines, horizontal längliches Fenster eingefasst ist, mehr ein Sichtschlitz als ein Fenster, nach außen zurück. Denn dem Untenstehenden, der ohne Sinn seine Einkaufstaschen durchwühlt, dasselbe aber bereits nach zwei, drei Sekunden einstellt und in zunehmender Unruhe, wie man sagen kann, nur noch dasteht, geht es ähnlich: auch er ist ein Wartender, dessen Moment mechanisch verzogen wird, festgesetzt auf zwanzig Sekunden. Auch er versinkt.
Hastig – in jener Vermutung, ich sei unsichtbar für die Welt – zog ich an, in den Lift zu flüchten. Bevor ein weiterer Bewohner, der eben durch die Haustür kommen mochte, sich ebenfalls darin hätte einfinden können. Da aber kam mir mein Nachbar entgegen. Erschrocken wichen wir aus des andern Laufweg. Wir sehen uns so selten, dass wir einander nicht erwarten. Ich sagte, mehr überrascht als aufrichtig: „Oh, entschuldigen Sie!“ „Na, Sie erschrecken mich in letzter Zeit ja öfter“, erwiderte er mit jenem weichen, kecken Spott, der mich wie eine domestizierte Schlange durchwand. Eine harmlose Ratlosigkeit löste die Hast aus mir.


Ich kann diesen Mann nicht einordnen. Er ist höflich, aber er ist es mit Unterton. Er ist spöttisch, aber ohne zu verletzen. Durchaus ein Mann, an den man sich heranwagen könnte. So fällt mir auf, dass ich ihm gegenüber nicht berlinere. Üblicherweise verfalle ich in diesen Dialekt nur im Beisein von Leuten, an denen ich von Grund auf desinteressiert bin. Würde ich diese leichten, ausgehöhlten Unterhaltungen, die nur mit Fremden – und tatsächlich Fremden – zu führen sind, in Hochdeutsch angehen, ich würde verzweifeln an der eingebüßten Ernsthaftigkeit, mit der ich Worte sonst formuliere. Das Unverfängliche am Gebrauch von Dialekt eignet sich besser für ein Meeting an der Supermarktkasse.
Mein Nachbar aber, der trägt keine Supermarktkutte, der steht auch nicht mit mir in der Schlange. Für ihn, den alten Herrn, ist das Hochdeutsch reserviert. Aber was ich an ihm schätze, diese ungezwungene und doch nicht belanglose Begegnung, das bezieht ja eben seinen Reiz aus der Distanz, aus dem Unvertrauten, das gelegentlich konfrontiert wird. Ich wage nicht, diese Distanz zu gefährden durch verträumte Versuche der Annäherung. Etwa käme es mir schon zu viel vor, die Innenausstattung seiner Wohnung zu besichtigen. Das ginge ja leicht, man könnte einen Anruf vortäuschen, den zu tätigen man in diesem Augenblick gezwungen und der vom eigenen Anschluss aus gerade nicht möglich wäre. „Telefon steht im Wohnzimmer – da, neben der Anbauwand. Lassense die Schuhe ruhig an.“

Dann würde ich entweder eine Einrichtung vorfinden, wie ich sie mir für einen alleinstehenden älteren Herrn eben denke, nämlich in der polierten, kitschigen Aura einer gewöhnlichen Vorstellung, in der das Mobiliar penibel auf eine ebenso kitschige Biographie abgestimmt ist. So sähe ich Schränke, in hellem oder dunklem Braun, in denen irgendein unnützer Zierrat aufbewahrt wird; farbige Weingläser, mitgebracht aus der CSSR oder Polen, deren Farbe auf die Weinsorte verweist, für die sie bestimmt sind. Dazu Matrjoschkas, die als Hülle für vier, fünf weitere fungieren. Ein Spielzeug, das die Unendlichkeit nicht auszählt, nur andeutet. Hier wird sie gezähmt, in jener Banalität, in der die größten intellektuellen Schrecken harmlos werden. Das ist, so oder so, erleichternd. Ferner sähe ich Abzeichen von Erfolgen, Pokale, Urkunden, vielleicht war er ein Sportschütze. Einen Fernseher, ein Loewe- oder ein Grundig-Modell, die technologische Signatur der deutschen Einigung. Eine schwarze Ledercouch, uneingesessen, ein kniehoher Glastisch, freigeräumt wie eine Landschaft vor dem Manöver, vielleicht ein Aquarium. Nicht zuletzt einen säuberlich gepflegten Teppich, auf dem noch nie ein Mensch zuvor mit Schuhen herumgelaufen ist. Eine katalogisierte Vorstellung, die weniger eine Wirklichkeit als vielmehr deren Image ausdrückt. Es findet sich keine Intimität darin.

Oder aber, und das wäre schlimmer, ich ginge ans Telefon, wählte wahllos eine Nummer und hätte dann, mit versteinertem Gesicht und Bedauern oder gar stillem Entsetzen, jedenfalls dramatisch zu sagen: „Nimmt niemand ab.“ Ein Unglück, sähe ich plötzlich das Zimmer austapeziert mit diversen Erinnerungsstücken aus einem nicht nur ausgedachten Leben, Erinnerungsstücken, die nicht allein nach der praktischen Seite hin erfahrbar sind. Malbilder von den Enkelkindern, Souvenir-Rückstände von Urlaubsreisen aus der Nachwendezeit, artifizielle Installationen oder, am bedrohlichsten, Familienfotos. „Ist das Ihre Frau?“ Und dann gingen die Geschichten los.


Nun habe ich grundsätzlich nichts gegen Geschichten, zumal nicht von alten Leuten. An vielen Nachmittagen saß ich, noch nicht viele Jahre her, auf den kleinen, runden Bänken an der Gedächtniskirche, vornehmlich an Sommertagen. Dort sah man der Jugend, der man selbst noch beinahe angehörte, wenn man in mancher Hinsicht auch ganz von ihr getrennt war, beim Breakdance zu. Die touristischen Ströme, die daran vorbeizogen, waren ebenso faszinierend wie anwidernd. Zu dieser Zeit war der Platz meist überfüllt, und bald rückte man auf den Bänken dicht zusammen. Da saß man denn leicht neben einem alten Menschen. Im Gegensatz zu den Touristen klatschten die Berliner kaum Beifall, sie sahen das ja jeden Tag. Ich selbst applaudierte auch nur selten, und wenn ich im Rücken der Breakdancer saß, eigentlich nie. Das tänzerische Können beeindruckte mich, auch dann noch, als ich es schon mehrere Male gesehen hatte. Aber die abgemachte, eingeforderte Reaktion, der mechanische Beifall, irritierte mich jedes Mal. Es schien mir lächerlich, mich selbst durch dieses Klatschen zum bloßen Konsumenten zu degradieren. (Wohingegen ich allein vorm Fernseher manchmal klatsche.) Während man applaudiert, ob frenetisch oder mehr aus Anstand, hält man seinen Blick stur auf den Adressaten des Applauses. Da ich nun still blieb in diesen Momenten und der ältere Mensch, der jeweils neben mir saß, ebenso, lächelte man einander an und geriet unversehens in nähere Unterhaltung. Ältere Menschen, so jedenfalls meine Erfahrung, haben weniger Probleme mit dem Wechsel vom leichten ins schwere Gespräch, es geschieht ihnen beinah zufällig, als sei das eine so gut wie das andere. So habe ich mir manche Lebensgeschichte antragen lassen. Ich saß diesen Erinnerungsstunden, zu denen ich wenig von mir selber beigab, nicht ungern bei. Denn sobald sich ein Mensch vor einem andern erinnert, ist er ein Erzähler. Er muss eine Sprache finden für seinen Mut, das Erinnerte mitzuteilen, preiszugeben, fortzugeben an ein fremdes Gedächtnis. Manche Plombe wird er dabei für natürlichen Zahnbestand halten, manches nachträglich kolorierte Bild für ein Original. Aber was spricht schon dagegen. Er muss konfabulieren, seine Erinnerung muss ihn erotisieren – sonst langweilt er sich selbst und das Erzählbedürfnis wäre erloschen.
Gelangweilt nun wurde ich nie. Wo ich befürchtete, von Tratsch belästigt zu werden, traf ich auf erstaunlich frische Erzählformen. Die Einsichten zwar ähnelten sich in der Regel, das Extrakt ihrer Erfahrungen war oft von derselben Substanz. Aber es belebte mich, in welcher Jugendlichkeit sich ältere Menschen über eine zufällige Einsicht, über den Humor ihrer Vita freuen können. Manche feixten verschmitzt, manche lachten hell auf. Ich empfand in diesen Momenten eine knisternde, leicht flackernde Seligkeit, die wie eine Kerzenflamme das Dunkel nie ganz erhellt, nie jedes Eckchen gleichermaßen beleuchtet, aber eine andeutungsweise Ahnung von der Umgebung dennoch erlaubt. Da war eine unabhängige Lebendigkeit, wenn man nicht ohnehin meint, Lebendigkeit zeichne sich eo ipso durch ihre Unabhängigkeit aus.

Aber irgendwann, man muss es sich gelegentlich aufsagen, ist jede Geschichte zuende. Das Lachen, auch die Lebendigkeit verebbt und die Freude wandelt sich in eine befriedende Erschöpfung. Manche, als wäre es nicht allein mir eine Erlösung gewesen, standen dann auf und gingen. Andere blieben. Eine versehentliche Redepause nahm man her, das Ende einzuleiten. Schon eine Viertelstunde zuvor hatte man innerlich angefangen, Abschiedsgründe zu erfinden, endlich wollte man sie erproben. Aber man hatte Menschen vor sich sitzen, die das Ende nicht einsehen wollten. So japsten sie, was mir unangenehm war, noch einzelne Sätze heraus, als wollten sie die Dramatik eines vergangenen Augenblicks wiederbeleben. Aber es gab nichts wiederzubeleben, es gab etwas aufzugeben, und man selber saß nun Situationen bei, die man vorausgesehen hatte und die einen dennoch befremdeten. Man befand sich darin wie in Hefeteig. Das Zögern eines fremden Menschen, das man gewähren lässt, wird wie von Geisterhand zum eigenen.


Es mag dauern, bis man auch diese Menschen verlässt. Aber die Trennung von ihnen ist endgültig, die Zusammenkunft mit ihnen so einmalig wie ihre Geschichten. Die Überwindung, diese Menschen, so fühlte ich es manchmal, im Stich zu lassen, war nur ein einziges Mal zu leisten. Bei ihnen konnte ich meinen provisorischen Trieb zur Verantwortung überlisten, indem ich mir sagte: Verantwortung hast du nur für ihre Geschichten, nicht für sie selbst. Wenn ich mich also als Pflegeheim für ihre Biographien, für ihre Ideen in die Verantwortung nahm. Dabei kam ich mir nicht selten ausreichend heldenhaft vor.

Meinem Nachbar hingegen, dem würde ich immerzu begegnen, dem wäre nicht ein für alle Mal auszuweichen. Man stelle sich das Schlimmste vor: er hätte mir seine Lebensgeschichte offenbart. Dann hätten wir, wofern wir uns sähen, einen Ton anzuschlagen, den man gemeinhin einen vertrauten nennt. Aus unseren reizenden, neckischen Wortwechseln würden – Gespräche. Nein, das will ich mir nicht denken. Ich kann mir nicht noch einen Vertrauten aufhalsen. Die Familie, natürlich, der kann man nicht wesentlich entgehen. Der ist die eine Hand gesichert, mag es zu mancher Zeit auch eine blutarme sein. Aber Menschen, die nicht heimlich in meinem Blut mitschwimmen, dürfen nicht mehr als die zweite Hand zu greifen haben. Das geht über mein körperliches und, was ausschlaggebender ist, emotionales Guthaben. Da muss man auf der Hut sein, gerade in dieser Stadt, da hinter jeder Ecke ein möglicher Vertrauter lauert und einem ein privates Glück aufzwingen will. Da darf man sich nicht von dummen Einfällen überfallen lassen. Solche Ideen sind Einbrecher, kriminelle Banden, die einem das liebste stehlen, das man hat: nicht irgendwelche Gegenstände, sondern die Ruhe, eine aromatische, die einen mit dem Absurden harmonisiert, und die Gewissheit, es möge bei dieser Ruhe auch bleiben, sie sei grundlegend ungefährdet. Man kann nicht mehr ruhig schlafen, wenn man einmal einen Menschen zu sich hat vordringen lassen. Selbst wenn dieser Mensch, wonach freilich zu streben ist, wieder herausgehoben wurde aus der eigenen Magengrube, so bleibt man doch in einer dauernden Unruhe, in Angst, in präventiver Panik. Nein, ein Glück, das sich ankündigt, muss verstoßen werden. Andernfalls ist man zur beständigen Affektation verdammt.

Wenn ich meinem Nachbarn begegne, wovon ich immer wieder überrascht werde, habe ich keine Zeit, affektiert zu sein. Wir tauschen, wie durch einen engen Kanal gepresst, unsere Launen aus und scheren wieder ein in unsere Leben. Es ist auch immer er, der einen Eingang in die Unterhaltung findet. Etwa greift er das letzte Spiel der Bayern auf und wir amüsieren uns gemeinsam über deren Niederlage. Leider ist das ein seltenes Amüsement. Über Dinge, die unmittelbar in unserer Nähe stattfinden, reden wir selten. Ich denke hier an die Putzfrau, die unser Treppenhaus reinigt und kaum als ein menschliches Glücksangebot gelten will. Sie hat eine leidige Angewohnheit: Sie zieht zwar, um auch vor der Tür selbst wischen zu können, die Fußmatten weg – schlechterdings legt sie sie nie zurück. Wenn ich später am Tag nach Hause komme, sehe ich sie entweder neben dem Wohnungseingang liegen oder ins Treppengeländer geklemmt. Wahrscheinlich ist das ihre Art, dachte ich, auf sich aufmerksam, sich selbst, wenn auch indirekt, sichtbar zu machen. Denn unmittelbar begegnet bin ich ihr nie. Lange dachte ich, ich sei der einzige, der sich daran stört. Ich wollte die Putzfrau nicht sehen, nicht auf diese Art. Es ist unbestritten kleinkariert, sich von solcher Unart, wie ich annahm, derangieren zu lassen. Dennoch, und wenn nur in geringem Maße, es nervte mich.
Und so wohl auch meinen Nachbarn. Der nämlich ging bald dazu über, seine Fußmatte am jeweiligen Putztag in die Wohnung zu nehmen und sie am Abend wieder herauszulegen. Für einige Zeit erwog ich, ihn darin zu imitieren, aber es schien mir zu viel Aufwand. Zudem hatte ich die leise Hoffnung, die Putzfrau möge einmal von sich aus darauf kommen, das Zurücklegen der Fußmatte sei doch letztlich eine feine Geste. Insgeheim hätte ich das wohl als einen Sieg der Zivilisation gegenüber der Barbarei bewertet. Ist bestimmt so 'ne Ostmutti, habe ich einmal gedacht. Eine von denen, die '89 auf der Mauer herumkrakeelt sind und ihre barbarischen Talente ausgedrückt haben. Jedes Mal, wenn ich diese Bilder sehe, überkommt mich eine ungeheure Scham. Diese peinlichen Tiere, denke ich dann. Während sie gierig die Mauer penetrierten, haben sie sich das sozialistische Seelchen aufgeschabt. Jetzt lecken sie entgeistert ihre Wunden und verstecken sich in Plattenbauten vor der Geschichte.

Jedenfalls, die Fußmatte des Nachbarn. Eines Abends hat er sie nicht mehr herausgelegt. Am Morgen darauf verließ ich die Wohnung und war aber erst verwundert, als die Matte am Abend desselben Tages noch immer nicht vor seiner Haustür lag. Ob er nachlässig geworden war? Ich stellte mir diese Frage eher beiläufig, ohne dringliches Gefühl. Aber auch die nächsten Tage, ja die nächste Woche war der Zugang zu seiner Wohnung ein nackter, ein unbekleideter. Zunächst dachte ich, er habe diese Prozedur nun satt und wolle sich diese andauernde Alternanz endlich ersparen. Später, als ich ihn über längere Zeit weder im Treppenhaus noch auf der Bank vor unserm Hauseingang gesehen hatte, kam ich darauf, er habe wohl doch so etwas wie Familie und sei zu ihr in den Urlaub gefahren. Ich war nicht sicher, ob man auf einen Rentner sagen könne, er mache Urlaub. Dann ließ ich den Begriff gelten, als ich mir vorstellte, dass ein Alltag nicht zwingend eine berufliche Tätigkeit beinhalten müsse, um ein Alltag zu sein. Mein Nachbar, dachte ich, erlebt wie ich jeden Tag dasselbe. Was er tut, tut er immer an denselben abgesteckten Orten. Mir fiel kein Grund ein, weshalb die Begriffe Alltag und Urlaub auf ihn nicht passen sollten.

Nun dehnte sich dieser Urlaub bald über so viele Wochen, dass ich daran nicht mehr glauben wollte. Es musste ihm etwas Ärgeres widerfahren sein, ein Schlaganfall vielleicht, ein Herzinfarkt. Gestorben konnte er nicht sein, die Klingel zur Wohnung trug noch immer seinen Namen zur Aufschrift. Das ist ein schlichter Name, ein einsilbiger: Herr Kirsch. Da nun, wie ich annahm, sein Tod bevorstand, sah ich zum ersten Mal konzentriert auf diesen Namen. In gut zwei Jahren hatte mein Blick ihn immer nur gestreift, ich war nie sicher, ob er nun Kirsch oder Kisch heißt. Seinen Vornamen kenne ich freilich nicht, aber irgendwann habe ich, wenn ich an ihn dachte, für diese Leerstelle immer „Egon“ eingesetzt. Obwohl er nicht gerade nach einem Egon aussieht. Eher sieht er nach einem – nein, es gibt keinen Vornamen für ihn. Wenn er den seinen, etwa durch Krankheit, verlöre, würde ich ihm meinen anbieten. In so einem Fall bin ich zur Mitose meines Namens ja geradezu gezwungen. Denn er ist mir auf eine ähnliche Weise unbekannt, wie ich mir selbst unbekannt bin. Ich stünde an seinem Krankenbett, während er die Amputation seines alten Vornamens bedauerte, und würde ihm antworten: „Ja, ich heiße wirklich so. Meine Eltern waren viel auf Reisen.“


Vor wenigen Wochen habe ich ihn wiedergesehen. Die Post hatte ein Paket für mich bei ihm abgegeben.
„Von der Familie, hm?“ fragte er und sein süffisantes Lächeln erinnerte mich daran, dass mir dieser Mann – wenn auch in keiner näher bestimmbaren Weise – vertraut war.

„Ja“, sagte ich, „ich bin der verlorene Sohn.“

„Wo wohnt 'n Ihre Familie?“

„Bayern“, sagte ich.

„Weit weg.“

„Ja, hier erreichen mich nur noch Pakete.“

„Und das da“, sagte er und zeigte auf das Paket, das ich umklammert hielt wie ein Eisbär, der seinen schmierigen Fang sichert, „das da is also die Boje, an der 'se sich orientiern sollen. Damitse nich zu weit rausschwimmen.“

„Mit 'ner Boje kann ich leben“, sagte ich.

Mich überkam ein milde brennendes, ein loderndes Lachen. Eine Boje, dachte ich. Es ist noch Festland hinter mir.


War es das? Was ich einbüßen, worauf ich verzichten müsste? Diese zufällige, absichtslose Konversation. Nicht Herr Kirsch selbst, aber seine ruhige, unaufdringliche Nachbarschaft, die mich nicht über meinen gewöhnlichen Alltag hinauszwingt, sie ist es, die mir mein hiesiges Leben sichert. Ein Leben in der Abgeschiedenheit, in der ich keine unbotmäßigen Irritationen erleiden will. Diesen Nachbarn wollte ich nicht verloren haben.

Mir wird elend, wenn ich daran denke, wer auf Herrn Kirschs Tod in diese Wohnung hätte ziehen können. Etwa die kiffende Jugend aus dem Erdgeschoss, deren oberste Hautschicht bereits sichtlich von der Kriminalität beschmutzt ist. Dort wird besser kein Paket abgegeben, wenn es vollständig an den ursprünglichen Adressaten gelangen soll. Wie würde mein Stockwerk, nicht allein vom Grasgeruch, dann verpestet sein. Oder das ausgemergelte Lesbenpaar aus dem sechsten Stock, die eine mager, die andere massig. Ihre Wohnungstür ist mit einem dieser Sprüche beschrieben, die mehr nach der intellektuellen als nach der inhaltlichen Seite hin abschrecken: „Männerfreie Zone“. Es hat was Deprimierendes, diesen Spruch zu lesen. Er erscheint mir, wenn ich mit den beiden im Aufzug stehe und ihren Dialogen zuhöre, mehr als eine unbemerkte Parodie auf den Furor früherer Jahre. Ich möchte keine Nachbarn, die mich deprimieren. Oder eine 'kinderreiche' Familie, deren Geschrei mir die Ruhe zum Schreiben und insofern zum Leben nähme. Nicht auszudenken.
Irgendwann, das ist mir klar, wird Herr Kirsch nicht mehr mein Nachbar sein. Entweder wird er tatsächlich sterben, bevor ich hier ausgezogen bin, oder ich werde ausziehen, bevor er gestorben ist. Ist es die Arroganz der Jugend, die mich nicht ernsthaft ein Drittes in Betracht ziehen lässt: Herr Kirsch zieht aus, bevor ich ausgezogen bin und er und ich, wie man vermuten kann, gestorben sind? Gleichviel, ich will daran nicht denken. Statt der Vernunft wähle ich die Hoffnung: Es möge, wie es ist, noch einige Zeit so fortgehen. Ich möchte mir, wohl aus Hilflosigkeit, den naiven Glauben daran bewahren, etwas, worauf man sich im Angesicht der umnachteten Einsamkeit hinlegt, könne ermauert werden. Die Jugend kennt das: Die erste Liebe solle zugleich die letzte sein. Diese Hoffnung bleibt auch dem Gealterten: auch er klammert sich ans Nächste, als sei es das Letzte. In der Jugend ist diese Hoffnung Begabung – im Alter, da ihr die Gabe der Erinnerung fehlt, Verdammung.

Aber es gibt Momente, da möchte ich das Uneindeutige an unserem Verhältnis zumindest einfärben. So in den Tagen nach der Paketübergabe. Da habe ich's ihm erzählt: dass ich tüchtig in Sorge um ihn war. Zwar schlug das Herz dieser Sorge eher für mich als für ihn, aber ihm galt das Bedürfnis, sie auszudrücken. Es war eine uneingeforderte Beichte. Die Wand zwischen uns war nicht aus gemustertem Holz, es war eine angegriffene, momentweise überwältigte Fremdheit.
„Sie ham sich um mich jesorgt?“

„Na, Ihre Fußmatte war nicht mehr zu sehen.“

„Ja, die liegt jetzt da drinnen, die hab ich in meinen Flur geholt.“

„Die Putzfrau, nicht? Die hat wohl einen kulturellen Defekt, die legt sie nie vor die Tür zurück.“

„Kannse auch nich. Des muss ja alles trocknen. Und bis des jetrocknet is, is die schon wieder im Hausflur nebenan.“

„Ach ja. Daran dachte ich nicht.“

„Sehnse ma. Aber sagense, hamse denn nich meine Katze jehört?“

„Sie haben eine Katze?“

„Ja, so 'ne Dicke, 'n richtjet Monster.“

„Nein, hab ich nie gehört.“


Kein schlechter, ein passabler Einstieg in eine bewegendere Unterhaltung. Aber es fehlte mir, der ich, offen erstaunt, diese Mitteilung annähernd als Botschaft behandelte, das Engagement. Ich war auf angenehme Weise überrascht, denn die Preisgabe einer Beziehung, wie man sie zu einer Katze hat, gleicht bald einem Geständnis. Mancher Impuls in mir würdigte das. Aber den Donner der Hingabe, der sich in einer unmittelbaren Nachfrage ausschlägt, empfand ich nicht. Zudem befürchtete ich, er könne sie mir leibhaftig vorstellen: „Wollnse die Kleine mal sehn“? Diese Frage wäre – wie hätte ich sie verneinen sollen? – der unumwundene Zutritt zu seiner Wohnung gewesen. „Oh, das ist aber eine Hübsche.“ Darauf hätte ich sie streicheln müssen, freilich diskret; eine Katze, die nicht die eigene ist, sollte man nicht unmäßig beschmusen. „Ja, die hab ich mir geholt, als meine Frau damals ..“ Ein Gesprächsanfang, der mich beängstigt, mich in einen beschämenden Bindungszwang gebracht hätte. Der Abend wäre dahin gewesen.

Aber nicht nur der Abend. Eine solche Versammlung hätte mehr nach sich gezogen. Wäre ich, in solchem Fall, nicht selbst dazu angehalten, ihn auch in meine Wohnung einzuladen? Bei mir gäbe es nichts zu streicheln, außer einigen tausend Büchern, die mehr eine andere Art von Zuwendung erfordern. Angenommen, er sei von ihnen beeindruckt, so fiele ich sicher wieder in die Rolle des Kenners, gäbe Urteile ab, die ich am nächsten Tag schon nicht mehr erinnerte (und wenn, dann umstandslos bedauerte). Es wäre ein unangenehmer Abend für mich, denn je rigoroser ich solche Urteile fasse, desto blamabler erscheine ich mir selbst. Ließen sie ihn hingegen kalt, wäre meine Wohnung auf ihr alltägliches, praktisches Gesicht angewiesen, und dasselbe sieht eher kümmerlich aus. Nicht mal Kaffee habe ich da. Meine Wohnung ist nicht präpariert für Besuche aus der Nachbarschaft. Aber er säße nun einmal da und ich hätte ihm, wenn schon nicht gewöhnliche Lebensmittel, so wenigstens ein Gespräch anzubieten. Ein harmloses vielleicht, ich könnte ihn zu jenem Teil der Stockwerke befragen, der mir unbekannt ist. Aber für harmlose Gespräche wiederum bin ich nicht präpariert. Stattdessen befällt mich in solchen Momenten die Dummheit, Grundfragen der Menschheit aufzuwerfen, sie episch auszubreiten, etwa anhand meiner eigenen Lebensgeschichte. An öffentlichen Plätzen kann ich schweigen, mich in einsilbigen Nachfragen erschöpfen, in der erbaulichen Anstrengung des Zuhörens. In meiner Wohnung dagegen fühle ich mich zur Unterhaltung verpflichtet. Es wäre also denkbar, den Moment der Beichte neu zu initiieren, indem man sich auf das von ihm angebotene Vertrauensverhältnis beruft. So könnte ich ihm von meinen Liebesgeschichten erzählen und von den träumerischen Lebensentwürfen, die mit jeder Trennung mitgescheitert sind. Als gäbe es den einen, unabhängigen Entwurf nicht, der nur mich meint. Als brauchte ich jemanden, der meinen Glauben daran betreut, mich desselben versichert. Weiter könnte ich ihm erzählen, dass ich mich von diesem permanenten Scheitern, das mir wohl als Lebensprojekt gilt, zwar einschüchtern lasse, momentan aber erneut an einem Entwurf arbeite. Oder ich gäbe ihm, als stille Anerkennung seines Alters, ein Buch von Louis Begley mit. „Behalten Sie's ruhig.“
Das Buch würde ich zweifellos verkraften. Aber auch eine höher graduierte Beziehung zu einem Mann, der mir dann, was unausweichlich wäre, nicht als Nachbar, sondern als ein Vertrauter wegstürbe? Als jemand, in dessen Gedächtnis ich Originale meiner Biographie abgelegt hätte? Das doch eher nicht, dachte ich. Demnach verschwanden wir wieder voreinander, bevor ich, wie es mir durch einen Moment alberner Zuneigung beinahe geschehen wäre, meine eigene Hoffnung sabotiert hätte.

Nein, mir genügt der Spalt, den ich zu sehen bekomme, wenn wir zu gleicher Zeit unsere Wohnungstüren aufschließen. Ich warte immer einen Moment, bis ich meinen Schlüssel ins Türschloss setze, und lasse, wenn man so will, Herrn Kirsch den Vortritt. Dann erhasche ich einen Blick auf ein, zwei Meter unbehängte Flurwand. Nichts, was an eine „Innenausstattung“ erinnern würde. Aber dieser Spalt, der nichts Bestimmtes zeigt, genügt mir, an ein Leben hinter dieser Tür zu glauben. Ich könnte mir für dieses Leben die irrsinnigsten, phantastischsten oder banalsten Umstände erdenken. Indes verbringe ich die meiste Zeit damit, mir Umstände zu meinem eigenen Leben zu erdenken. Wie das Phantom einer Säule stützen sie die jeweilige Figur desselben.
Es muss einen Ort geben in dieser Stadt, an dem man seine Einfälle verwirklichen kann. Aber es mangelt mir am Bedürfnis, ihn aufzusuchen. Vielleicht ist Herrn Kirschs Wohnung dieser Ort.

 

 

28.1.13 14:35, kommentieren

Jetzt habe ich mir eben eine alte Folge des Lit. Quartetts angesehen, in dem u.a. Burgers "Brenner" besprochen wird. Dort nannte die Löffler Burger einen "Bernhard-Epigonen". Was Burger, gewiss kein Bernhard-Epigone, mit Bernhard vielleicht dennoch verband, literarisch verband, das war die Manie, wie etwa MRR sagt, das Manische der Gestaltung, das Unnachgiebige der Form, das suggestive Moment. Auch deshalb gelingt, was MRR ihm in "Brenner" unterstellt, nämlich "den Plauderton des 'Stechlin' nachahmen" zu wollen, von Grund auf nicht. Das könnte man sagen, wäre das Burgers Anliegen gewesen. Das allerdings glaube ich nicht, denn einmal führt er den "Stechlin" zu offenkundig an, als ihn darauf imitieren wollen zu können, und einmal war Burger, da er "Brenner" schrieb, bereits im Zenit seiner psychischen Krisis, weshalb ein möglicher Plauderton - oder eben der Plauderton des "Brenner" - kein so altväterlicher, von herzlicher Milde durchsetzter sein kann wie im "Stechlin". An manchen Stellen, da mag man es glauben, mag man es am Vokabular ablesen: "freilich", ein Wort, das gelegentlich auftaucht, und das subtextuell, also indirekt spricht vom Zwist, den einer in sich austragen muss, um virtuos plaudern zu können. Aber das Manische, das Unbedingte, das ist doch vorherrschend, und wo Fontane seinen Figuren Raum gibt für charakterliche Mängel und Uneindeutigkeiten, dort zementiert Burger sie, gestaltet sie - aber übrigens ganz anders als Bernhard - fugenlos und hart, ohne aber - und darin ist vielleicht seine Meisterschaft - steril und nuancenfrei zusammenzustellen.

Nein, Burger möchte im "Brenner" etwas anderes: der ständige Bezug auf Proust oder Fontane ist keine epigonale Stilistik, keine unkritische Einreihung in eine überragende Erzählertradition - Burger greift Proust und Fontane (und weitere "Einflüsse", etwa TM) auf, um dieser Erzähltradition eine neue Form zu geben. Man darf nicht vergessen: Burger war ein exzellenter Musikkenner, hatte einen gewissen Fundus an musiktheoretischer Kenntnis. In der Musik ist nicht etwas radikal Neues zu schaffen, das dem Vorigen formal sämtlich fremd wäre. Es ist nur immer wieder zu variieren. Diesen 'Gedanken' setzt Burger hier literarisch um. Durch die namentliche Nennung von Proust oder Fontane (Dubslav v. Stechlin) macht Burger die literarische Praxis der Variation kenntlich, er stellt sie aus. Man kann sagen: Er veröffentlicht ein Geheimnis literarischen Schaffens; aber nicht aus Sensationszwecken, sondern konzeptuell bedingt.

Denn dass Burger sich eben nicht "unkritisch" in einer Erzählertradition positionieren möchte (weshalb sollte er zu solchem Zweck einen Roman schreiben?), eben nicht bloß seine Sprachmacht - die ja fraglos erkennbar ist - demonstrieren möchte, zeigt der alternierende Wechsel von fast schon übertriebener sprachlicher Brillanz und regionaler Idiomatik, der in "Brenner" programmatisch ist. Durch diesen Wechsel offenbart er ja, dass ihm nicht an einer elitären Sprachpose gelegen ist, sondern er thematisiert damit geradezu die Problematik gerade Schweizer Autoren, denen das Hoch- oder Schriftdeutsche beinahe eine Kunstsprache ist, wohingegen ihre sprachliche Sozialisation im Schweizerdeutsch ihren Beginn nahm. Die sich daraus ergebende Dissonanz, dieser Dauer-Komplex, vor der Sprache immer wieder Laie zu sein, Sprache nicht als genuine Eigenschaft zu empfinden, wird durch die Stilisierung beider Sprachweisen im "Brenner" dargezeigt.

Die Löffler wirft "Brenner" und damit Burger "Faktenhuberei" u. "Bildungshuberei" vor. Damit verkennt sie, wie ich glaube, die Funktionalität etwa der ausufernd anmutenden Beschreibung der Zigarren-Industrie. Denn gerade diese 'geliehene' Sachlichkeit ist das Stilmittel, ist das Werkzeug, das das subjektive Moment - das Buch kokettiert ja mit dem Label der Quasi-Autobiographie - formal kontrastiert. Und wieder: Der 'eigentliche' Roman findet in den Zwischenräumen, im Spannungsfeld zwischen Sach- bzw. Künstlichkeit und der radikalen Subjektivierung statt. Denn der Gegenentwurf zu dieser "Faktenhuberei" ist ja die Bezugnahme zur Kindheit: das sozusagen unreflektierte Kind, das 'unvorbelastete', von der Verkünstlichung noch unangetastete Kind. Aber weder das eine, die Sachlichkeit, noch das andere, der 'unverfälschte' Blick des Kindes auf die Welt, ist hier die literarische Wirklichkeit - diese ergibt sich nachgerade erst in der Haltlosigkeit, in der sich Hermann Arbogast Brenner befindet, in der Haltlosigkeit zwischen beiden Polen, von denen er sich unentwegt angezogen fühlt und die doch für ihn jeweils unerreichbar sind. Hier literarisiert Burger sein Lebensthema: die Depression.

9.8.12 11:34, kommentieren

Martin Lüdke, Rezensent, fragt sich „dauernd, ob er diesen Schmidt mag, ob er nett ist oder ein Ekel.“ Nun finde ich solche Fragen tendenziell irrelevant, hier aber, bei diesem Buch, ist mir diese Frage selbst derart präsent, dass ich sie, selbst wenn es ihr an Relevanz mangeln sollte, nicht ignorieren kann. Es drückt sich in ihr eine Uneindeutigkeit aus, die, so mein Eindruck, charakteristisch für das Buch insgesamt ist. Ich bezweifle, dass es wichtig ist, diese Frage zu beantworten; es scheint mir gleichgültig, ob 'dieser' Schmidt nett oder eklig oder beides genannt werden kann. Darüber entscheidet sich nicht die Qualität oder, mystischer gesagt, das Wesen des Buches. Die Frage selbst ist eine Antwort – und wenn nur auf die oberflächlichste: ob wohl das Buch den Leser bei sich halten könne. Das kann es offensichtlich. Aber wie?
Schmidt, ehemals Anwalt, ist Pensionär. Dazu Witwer. Hat eine Tochter, Charlotte, die ihn nur noch auf die, so kann man vielleicht sagen, Restfunktionen kapriziert, die er kraft seiner – man meint nicht selten: unwillkürlichen oder unwillentlichen – Vaterschaft noch besitzt. Darüber hinaus bietet sie ihm kein Gespräch, keine offenkundigen Gefühle an. Ihre Kontaktbereitschaft bezieht sich, so scheint es, nur mehr auf Geschäftliches; die biologische oder emotionale Dimension, die Schmidt ihr als Vater bedeutet (oder bedeuten müsste), erduldet sie nur widerwillig; freilich nicht, ohne dieselbe in ihr gerade noch erträgliche Bahnen zu lenken. Als Vater ist er ihr unangenehm. Man kann demnach sagen: Schmidt ist gesellschaftlich desintegriert. Er wurde aus dem sozialen Getriebe, aus dem Gemeinschaftskörper herausoperiert. Selbst ehemalige Freunde, die, so stellt sich heraus, mehrheitlich die Freunde seiner Frau Mary gewesen waren, sind für ihn plötzlich nicht mehr existent, sind wie verschwunden. Schmidt steht vor einer fast beckett'schen Situation: Er muss sich, da ihm mit Wegbruch von Arbeit und Familie die gewöhnliche Ordnung verlorengegangen ist, eine neue, eine eigene Ordnung erschaffen. Und um zu begreifen, wie eine künftige Ordnung aussehen kann, muss er die Ordnung, die Struktur und die Gegebenheiten seines bisherigen Lebens begreifen. Banal gesagt: Er muss sich Fragen stellen; Fragen zu seiner Vergangenheit, die sein Lebensmodell, seine Biographie, sein Selbstverständnis – seine 'Lebensidee' – womöglich erschüttern.
Was war er für ein Sohn, was für ein Vater, Ehemann und Anwalt? Er muss sich diese Fragen stellen, ohne gleich eine kategoriale Bewertung vorzunehmen; er hat also nicht zu fragen: War ich ein guter Sohn, ein guter Vater, ein guter Ehemann und ein guter Anwalt? Sondern er muss lernen zu verstehen, was für eine Art Sohn, Vater, Ehemann und Anwalt, kurz: was für eine Art Mensch er war. Was hat ihn ausgezeichnet, was ihn charakterisiert? Welche biographischen Brüche hat er im Laufe seiner Alterung harmonisiert, mittels der Erinnerung nachträglich plausibilisiert und aushaltbar gemacht?
Hatte er seinen Vater verraten, als er nicht, wie es dessen unausgesprochener Wunsch war, in die kleine väterliche, sondern in eine fremde, in eine riesige und mächtige Kanzlei eingestiegen war?
Hat er seine Tochter verraten, weil er die Erziehung, oder die emotionale Bindung, der Mutter, seiner Frau, überlassen hat? Hat er sich der elterlichen Bindungspflicht entzogen? Macht er sich an Charlotte schuldig, weil er ihren Verlobten nicht akzeptieren will?
Hat er seine Frau verraten, weil er es, in ihrem gemeinsamen Haus, über längere Zeit mit einer Angestellten trieb? Oder weil er zu ebendieser, anders als zu jenen, mit denen er es sonst trieb, ernstliche Gefühle entwickelt hatte?
Und hat er Mitarbeiter – und nicht zuletzt seinen jüdischen Freund, Gil Blackman (der einzige, der ihm noch geblieben ist) – verraten, wenn er, konfrontiert mit dem Vorwurf des Antisemitismus, in der Selbstgerechtigkeit des Relativisten darauf hinweist, er habe ja auch immer schon jüdische Mitarbeiter protegiert (etwa Charlottes Verlobten, seinen ehemaligen Sozius Jon Riker)?
Schmidt, das kann man schon jetzt sagen, findet auf diese Fragen keine Antwort. Und der Leser wohl auch nicht. Das bezeichnet Begleys Stärke. Denn er lässt Schmidt diese Fragen nicht schlechthin stellen, nirgends ist eine oben aufgeführte Frage im Buch so direkt formuliert; sondern die Darstellung, die Schilderung Schmidts macht diese Fragen – und das Fragenwollen, das Fragenmüssen – möglich. Begley scheut dabei nicht die Uneindeutigkeit, die Unklarheit – eine sozusagen literarisierte Uneindeutigkeit. Mittels Begriffen versichern wir uns einer Gewissheit, einer ideellen Festigkeit und verdrängen mitunter, dass wir eigentlich, wenn wir unsere Leben anschauen, ganz ratlos dastehen. (Diese Ratlosigkeit freilich zwingt nicht zur Religiosität. Das unterscheidet die Literatur vom Glauben: Unablässig und nie erschöpfend beschreibt sie das Leben, erzählt sie vom Leben – sie gibt es nicht vor, sie bedeutet dem Leser kein abgerundetes und daher schlichtes, naives Lebenskonzept. Sie kokettiert nicht mit einer vorgeblich konsistenten Lösung.) Heine: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. / Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.“ Das, was man gemeinhin eine Lebenswirklichkeit nennt, ist nicht methodisch erfahrbar. Ein Erlebnis, eine Erfahrung ist, anders als eine begrifflich bestimmte Wissenschaft, nicht methodisch. Hierzu ein Zitat aus Walsers „Die Verteidigung der Kindheit“: „Es muss versucht werden, die sich wissenschaftlich aufführenden Vokabulare so lang wie möglich draußen zu halten. Lieber sei nicht alles klar. Oder auch gar nichts. Könnte man nicht auch etwas verstehen, was gar nicht klar ist?“ Begley weiß, was Literatur kann – und was nicht. Und demnach auch, was sie soll und was nicht. Zwar ist es schwierig, um nicht zu sagen: unmöglich, der Literatur ein Sollen zu diktieren, eine Aufgabenmappe vorzulegen, die sie gefälligst abzuarbeiten habe. Aber vielleicht lässt sich einsehen, dass Literatur, die eine wissenschaftliche Genauigkeit wollte, ohne diese zumindest fundamental in Frage zu stellen, eine offen unzulängliche wäre. Literatur, die nicht nach solchen Maßstäben verführe, wäre zwar, wenn man so wollte, auch eine unzulängliche – ihre Unzulänglichkeit jedoch wäre eine versteckte, eine heimliche, ein Rätsel. Ihr Unzulängliches würde zum Ungewöhnlichen – und das Ungewöhnliche ist's vielleicht, das an der Literatur so provoziert.
Was nun ist ungewöhnlich an „Schmidt“? Erschöpfend lässt sich das nicht beantworten. Das Buch behandelt Klischees, aber es bleibt auf ihnen nicht sitzen. Es verteilt keine moralischen Zeugnisse – es sucht eine Moral, gewiss, aber es spricht zugleich, ohne es jedoch direkt auszusagen, von der Unmöglichkeit einer festen, ein für alle Mal in Geltung gebrachten Moral. Eine menschliche Biographie, jedenfalls die eines sog. Normalbürgers – man denke an Philip Roth' „Everyman“ – ist nicht bestimmbar durch vorgegebene Moralkonzepte; nach ihnen ist ein Leben unmöglich. Das kann man in diesem Buch finden.

Immer geschickt, immer raffiniert gestaltet es Begley allerdings nicht. In der Raffinesse sind ihm andere Autoren, etwa (in seinen besten Büchern) genannter P. Roth, überlegen. Wo er die Persönlichkeit Schmidts ausschildern, seine Vita narrativ zusammenfassen müsste – oder es zumindest könnte –, dass eine Essenz davon subtil sichtbar, ja fühlbar würde, lässt er es, mitunter arg konstruiert, im Dialog oder in Briefform aussagen. Ohne situative Notwendigkeit, ganz unnatürlich werden Dialoge betrieben, die, statt auch atmosphärisch zu wirken, so nur aussagen sollen, was Schmidt für ein Mensch ist oder immerhin sein könnte. Da bittet Schmidt ganz plump, als habe der Gesprächspartner plötzlich eine auktoriale Erzählerfunktion, also unvermittelt: „Erzähl doch mal.“ Erzähl doch mal – wie war ich damals, wie bin ich heute, wie siehst du mich, usw. Statt durch Schmidts Verhalten im Dialog seinen Charakter darzustellen, oder auch: bloßzulegen, wird alles das, was der Leser herausspüren sollte, schlichtweg ausgesagt. Das wirkt, wenn ich das mal so frech sagen darf, etwas dilettantisch.
So wird unter anderem Schmidts potenzieller Antisemitismus nie wirklich fühlbar, nie erfahrbar, er bleibt eine dauernde Behauptung. Wie ein unbegründeter Vorwurf schwelt er, da er nicht wahrhaft im Beginn angelegt worden ist, im letzten Teil des Romans, ohne irgend fassbar zu werden. Hier wird die Uneindeutigkeit zur Schwäche. Denn wo sie sich anderweitig, da ihre Bedingungen immerhin dargestellt werden, nur auf ein mögliches Urteil bezieht, wird ihr hier, da sie keine konkrete Darstellung erfährt, die Substanz versagt.
Ebenso Carrie, die 20jährige Kellnerin, mit der sich Schmidt ein neues Leben, ein neues Glück vornimmt – er ist also noch hoffnungsbegabt –: Sie wird nie wahrlich dargestellt, sie wirkt mehr wie eine Märchenfigur, eine idealisierte Schablone für eine klischeehafte Altherrenphantasie. Eine Eigentümlichkeit, die auch außerhalb von Schmidts Wahrnehmung wirken könnte, wird ihr nicht mitgegeben (man denke hierbei wieder an Roth: Jamie in „Exit Ghost“ ist ja ähnlich angelegt; wie dort, wo der Kontrast ebenso namentlich dargestellt wird – Jamie und Amy in „Exit Ghost“, Carrie und Mary in „Schmidt“ –, so ist auch Carrie in Begleys Roman mehr das provokative Moment, an dem sich ein 'letzter' Lebenswille, ein Alterselan des Protagonisten herreizt). Sie, die jünger ist als Schmidts Tochter, wird als Kontrapunkt gesetzt zu Mary – der 'heiligen Maria' –; aber nicht eidetisch noch, was man mit Vorsicht sagen muss, lebendig. Ganz selten wird ihre 'Natur' bedeutsam: etwa dann, wenn Schmidt ihren makellosen Körper, ihre schlanke Statur mit den enormen Brüsten (Roth!), vergleicht mit dem Körper von Frauen oder Menschen seines Alters. Was aber den intellektuellen, den emotionalen, den moralischen – also: den biographischen Unterschied ausmacht zwischen einer so jungen Frau, die am Anfang ihres Erwachsenenlebens steht, die beinahe mittellos ist, die sich wahrscheinlich – so vermutet Schmidt in einer eitlen Befürchtung (denn es ist auch bei ihm die dümmliche, irrationale Geilheit, die ihn an Carrie bindet) – auf Strandpartys von allen möglichen Typen ficken lässt, und einem Mann seines Alters, seiner finanziellen Potenz, seines Reifegrads, das wird kaum einmal behandelt. So könnte, wenn man so will, herausgearbeitet werden, wie schwach bestimmbar eine solche Unterschiedlichkeit im Eigentlichen ist, wie wenig relevant ein über Jahrzehnte erarbeiteter Bildungsetat, wie porös seine Gültigkeit ist, wenn das Urbedürfnis nach Gemeinschaft einen Körper durchpocht, wenn sich emotionale und biologische Impulse gegen die Vernunft richten. Das wird nur angedeutet, vieles bleibt ungeschöpft. Aber es mag sein, dass ich hier zu kritisch urteile. Denn so deutlich, wie ich es hier formuliere, habe ich einen solchen Mangel beim Lesen wohl nicht empfunden.
Das eine oder andere kritische Wort aber doch noch: In diesen Attrappen, die Begley neben Schmidt aufstellt – noch zu nennen wäre Renata, die Mutter Jon Rikers, eine Psychoanalytikerin, mit der sich Schmidt gelegentlich trifft; auch hier eklatant: welche 'Funktion' „Dr. Renata“ recht eigentlich hat: die der verkappten, der verhinderten Erzählerin, die, ihrem Beruf gemäß, aus Schmidt dessen Wesen herausarbeiten soll (wie gesagt: wirkt ein bisschen sehr konstruiert) –, könne, so schien es mir manchmal, eine Eigenständigkeit gar nicht intendiert sein, da sie nur gewissermaßen Zuarbeiter sind oder sein sollen. Denn, das kann man so sehen, der Erzähler wirkt bisweilen wie eine Kamera, die allein den Fokus auf Schmidt selbst hat, die vor allen andern ihn zeigen will. In Verbindung mit Schmidts permanenter Unentschlossenheit, mit seinem Dauerstand zwischen zwei Polen, lässt diese Fokussierung auf ihn leicht – und vielleicht ohne große Blamage – an Hamlet denken. Auch der Titel gibt ja unmissverständlich an, um was bzw. um wen es geht. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das die Schablonenhaftigkeit der weiteren Figuren genügend verteidigt. Sie sind wie Ortsschilder in der Geschichte angebracht, die Schmidt zu passieren hat. Aber den Ort hinterm Schild stellen sie schon nicht mehr dar. Sie sind nicht von sich aus, nur von Schmidt aus motiviert. Das mag zweifellos berechtigt sein; aber ein bisschen unbefriedigend ist es dennoch.
Denn es wirkt, gerade auch in der 'Schilderung' Carries (die ja nicht eigentlich oder nur bruchstückhaft geschildert wird), als sei Schmidt nur eine literarische Vertretung von Begley selbst. Er ist auf der Seite Schmidts, er will ihn, nachdem er ihn offenbart hat, auch verteidigen (anders als Roth, der seine Protagonisten gern mal attackiert), und das muss er zwangsläufig gegen die weiteren Figuren, und sei's gegen dessen eigene Tochter oder dessen neue Geliebte. Das mag nachvollziehbar sein, aber es scheint mir mitunter zum Mangel zu werden. Nämlich die Perspektive, die sich durch den engen Fokus auf Schmidt bestimmt, wird nicht konsequent beibehalten. Gelegentlich weicht Begley von ihr ab. Bzw. thematisiert sich der Erzähler indirekt selbst, wenn er den Leser anspricht – das geschieht nur kurz, wie beiläufig, etwa wenn er sagt: „Man“ habe wohl verstanden, was dies und jenes für Schmidt bedeuten müsse, weshalb „man“ dies und jenes nicht weiter ausführen müsse, sondern gleich hierzu und dazu übergehen könne. Das ist der versuchsweise nachgeahmte Plauderton, wie er vor Flaubert noch Standard war, den man heute aber, glaube ich, geschickter, und das meint vielleicht: ironisch anführen müsste, um ihn nicht als Nachlässigkeit wirken zu lassen. Denn der Erzähler, um diese Ansprache an den Leser zu rechtfertigen, erhält keine eigene Figur – es soll sich wohl doch um einen sog. personalen Roman handeln. Einzig der Original-Titel („About Schmidt&ldquo deutet die dreistellige Relation an zwischen Erzähler, Leser und Interpretanten (Schmidt). Ob das die gelegentliche Aufhebung der Perspektivitätsstrenge schon hinreichend rechtfertigt, darum bin ich nicht sicher. Aber vielleicht bin ich auch hier unnötig pingelig.

Allerdings, auch wenn der Erzähler sich zu bestimmten Themen äußert, meint man bisweilen, hier Begleys Privatmeinung präsentiert zu bekommen, denn als Meinung Schmidts sind diese Äußerungen irrelevant. Z.B. die Aussage zu „Nostromo“, wozu es heißt, in diesem Buch sei „ein für alle Mal das Wesen des Kontinents erfasst“. Das mag schon stimmen (oder auch nicht) – Schmidt selbst hält es, nach Angabe des Erzählers, nur für eine „Theorie“, die er während einer vorgeschlagenen Reise einmal nachprüfen könne –, aber es ist, für den Roman, irrelevant. Das ist keine Aussage zu Schmidts Wesen, zu seinem Charakter oder zu seiner 'inneren Atmosphäre' usw. Das ist, hochgestochen gesagt, kontextfremde Metaphysik; belanglos.
So ungeschickt – oder unraffiniert – er Conrad auch einführt, dass er ihn einführt, halte ich für gelungen. Denn wenn man sich etwa Conrads „Herz der Finsternis“ vergegenwärtigt, so lässt sich doch ohne peinliche Konstruktion sagen: Was vor Schmidt liegt, da er aus dem alten, dem bekannten Leben – der 'alten Welt' – hinaustritt in ein fremdes: das ist der Kongo (den der Erzähler Seiten später wenn nur namentlich erwähnt), das unerforschte, ja unerforschbare Land. Was vor ihm liegt, ein Leben ohne die alten Bindungsstrukturen, das ist nicht die Freiheit. Es ist eine weitere Zwangssituation, die vielleicht schlimmer ist als die vorige, weil der Zwang, der in ihr wirkt, ein unentrinnbarer ist, ein unsichtbarer, einer, dem man nicht herkömmlich begegnen kann. Der Zwang ist der Urgrund, ist das Fatum der Freiheit; ihm ist nicht zu entkommen. Das wird fühlbar durch Schmidts innige Dissonanz, die aber keine prädisponierte ist, nicht Ausdruck eines „Triebschicksals“ (Freud), sondern sie ist situativ initiiert. Das wird nicht ausgesagt, eher bleibt es in der Stärke einer Ahnung.
Denn Begley nimmt Conrad einmal auch subtiler auf, wenn er vom Ozean schreibt. Schmidt treibt dort nicht hinaus, er bleibt stets am Ufer (er geht dort gelegentlich spazieren, ohne indes die Unbeschwertheit des Flanierens oder die melancholische Schwermütigkeit einer übertriebenen Sinnsuche zu empfinden); aber er ahnt das Manische, die menschlich nicht beherrschbare Verfassung des Meeres. Dort kommt Begley, durch die Metapher, zu etwas Wesentlichem. Das ist meistens nicht genial, aber überwiegend gut bis sehr gut. Dort erzählt er, und wo er erzählt, wo statt der Mitteilung die Narration den Roman steuert (was wieder an Conrad erinnert, auch wenn das Meer bei Begley, anders als bei Conrad, nicht das Narrativ ist), ist Begley fast ohne Makel. Sehr dicht, aber nicht fugenlos, sondern so, dass sich neben der Atmosphäre auch Assoziationen ergeben können, dass also der Text, wenn man es einmal schwülstig sagen wollte, zum 'Atmen' kommen kann, erzählt er in trügerischer (aber nicht listiger) Gemächlichkeit, ohne je langweilig zu werden, vor sich hin. Nein, nicht eigentlich „vor sich hin“ – denn kein Detail ist ohne weitere Funktion, keines zum Selbstzweck platziert (wie es manchmal bei Updike der Fall ist). Aber es wird nicht, was eine Empfehlung fürs Buch ist, zwanghaft auf ein Schicksal verwiesen, Schmidts Verhalten in dieser oder jener Situation ist keine Rekurrenz einer moralischen oder historischen Altwurzel, sondern es wird eine Perspektive vorgeschlagen, die sog. Lebensfragen, Fragen also, die man auch ans eigene Leben schon einmal gestellt haben mag, konturiert und situativ darstellt. Das Buch ermöglicht, in ein Gespräch mit sich selbst, mit der eigenen Erfahrung, der eigenen Erinnerungslogik zu kommen.

Was Schmidt macht, vielleicht kann man es einmal mit Popper sagen, sind „Probierbewegungen“. Diesen geht bei Popper ein „Problem“ voraus, es ist ihnen „unterworfen“. Ein konkretes Problem aber kann Schmidt nicht identifizieren, und so sind die seinen eher unbewusste, fast möchte ich sagen: tierische, von Reflexionen nur konnotierte aber nicht manövrierte „Probierbewegungen“. Das „unerforschte, ja unerforschbare Land“ liegt nun vor ihm – und er tastet sich dahinein. Vorhin habe ich von der „beckett'schen Situation“ gesprochen: Wie Beckett, indem er seine berühmte Roman-Trilogie in französischer, also in der Fremdsprache schrieb, dadurch das Tasten, das Hineinfinden in ein fremdes Nichts, und das 'Erfinden' einer neuen, eigenen Ordnung darin formalisieren wollte, so versucht Schmidt, sich ins 'Alter', in die Freiheit, die ihm, da sie keine selbst initiierte ist, jenes 'fremde Nichts' bedeuten muss, hineinzufinden und deren Gesetzmäßigkeiten zu erfahren.
Freiheit, wenn sie eine auferlegte ist, ist, wie gesagt, eine zwanghafte. Gleichwohl verbindet sich mit ihr ein „Wunschpotenzial“ (Walser). Um dieses abzurufen, bedarf es aber der Erkenntnis oder des Verständnisses ihrer konstitutiven Bedingungen und ihrer Möglichkeiten. Einmal liegt Schmidt im Bett, neben ihm Carrie, und „in einem Zwischenzustand zwischen Bewusstlosigkeit und Wachheit schwebend nahm er nur eines mit Gewissheit wahr: seine Desorientierung.“ Dann betrachtet er – ich will das (scheinbare) Paradox, einer nehme seine „Desorientierung“ „mit Gewissheit wahr“, nicht weiter besprechen – Carrie, die schlafende junge Verheißung, die körperliche Entsprechung seiner Sehnsucht, und „plötzlich sah er eine Seite seines arbeitslosen, einsamen Lebens, die er vorher nie bedacht und schon gar nicht begriffen hatte: Er war frei!“ Infolge solcher Erkenntnis verkehrt sich „Notwendigkeit in einen Wunsch“. Aber es bleibt bei einer situativen Erkenntnis, sie befreit ihn nicht dauerhaft aus der Bedrückung seiner späten Einsamkeit, die eine „eisige“ bleibt.
„Charlottes unnatürliche Abneigung gegen ihn“ quält ihn weiterhin. Auch die Existenz der Männer, mit denen Carrie (möglicherweise sexuellen) Umgang hat, peinigt ihn. Er überlegt sich, wie diese Männer zu beseitigen wären – den einen könne man vielleicht kaufen, den anderen von der Polizei holen lassen –, er geht diese Gedanken mit jener Pragmatik durch, mit der er frühere Problematiken in seiner anwaltlichen Tätigkeit gelöst hat. Aber zu einer realistischen Lösung gelangt er nicht; statt, um noch einmal auf Popper zu referieren, verschiedene sich als untauglich erwiesene „Lösungswege“ zu „eliminieren“, beschließt er: „Es ist besser, keinen Plan zu haben.“ Es liegt ein gewisser Fatalismus in diesem Beschluss, die Einsicht darin, dass ihm eine genügende Übersicht über seine Situation doch nicht gelingen wird, dass sein 'inneres Auge' am Vexierbild, als das sich ihm sein Leben darstellt, immer versagen wird.

Nicht über die großen noch über die kleinen Dinge wird er sich jemals richtig klar. Etwa über die Qualität seines Antisemitismus, der, nach Gil Blackman, als „belanglos daher“ komme, erfährt er keine einhellige Meinung. Vor sich selber streitet er ihn zunächst ab und lässt ihn erst gelten, nachdem ihm sein jüdischer Freund diesen nachvollziehbar bescheinigt hat. Wobei fraglich ist, ob er ihn darauf wirklich gelten lässt – denn er erwähnt ihn folgend nicht mehr. Jon Riker ist Jude – aber lehnt er ihn, wie ihm von Charlotte vorgeworfen wird, deshalb ab? Das ist es nicht im Speziellen, das Schmidt erregt, erschreckt, bestürzt: Es ist die Wegnahme seiner Tochter, die zum jüdischen Glauben übertritt, wie sie schon zuvor in eine fremde Familie übergetreten ist. Das 'Naturprogramm' „Vater/Tochter“ produziert Schmidts Einsamkeit mit. Und wie er nun mitansehen muss und es nicht verhindern kann, dass seine Tochter sich von ihm, dem Rest ihrer 'natürlichen' Familie, lossagt, das ist für ihn ein unverwindbarer Schlag, esoterisch gesagt: eine seelische Wunde, oder etwas sperriger gesagt: die Deinstallation des Familien-, des Gemeinschaftsprogramms.
Daher braucht Schmidt, um nicht an der Einsamkeit zugrunde zu gehen, ein Gegenprogramm: eine junge Frau (Carrie), einen jungen Mann (Bryan; Carries sozusagen 'eigentlicher', ihr Quasi-Freund), beide haben es wohl auf Schmidts Geld abgesehen – aber sie sind, als Mindestanforderung für die Einsamkeitsbekämpfung, wenigstens da. Carrie schläft gelegentlich mit ihm und sagt ihm dabei, was er nie zuvor von einer Frau gehört hat: sie gehöre ihm, sie sei sein; Bryan kümmert sich um ihn nach Schmidts Unfall, pflegt ihn, stellt Schmidts noch vor die eigenen Bedürfnisse (etwa lässt er, gegen seine Gewohnheit, ab von Schmidts Medikamenten). Schmidt ahnt, dass nicht er selbst es im Wesentlichen sein mag, sondern eher sein Haus, seine Autos, kurz, seine finanziellen Möglichkeiten, die für die beiden maßgeblich ist. Aber er zieht diese Art von Gemeinschaft, die keine natürlich oder organisch gewachsene ist, in der seine Anwesenheit kein zentrales Anliegen ist, aber freundlich in Kauf genommen wird, jener Einsamkeit vor, die seine Beziehung zu Charlotte, die zwar biologisch an ihn gebunden ist, seine Anwesenheit aber, wie es scheint, nicht mehr zwingend in Kauf nehmen möchte und die Begegnungen mit ihm, anders als Carrie und Bryan es tun, nur mehr aufs Geschäftliche reduziert (sie schreibt ihm einen langen Brief, dessen Tenor im Grunde ist: Schmidt möge ihr Möbel und Besteck usw. übergeben), mittlerweile ausmacht. Das 'Problem' zwischen ihm und Charlotte ist für ihn bedrückender als die zweifelhaften Absichten von Carrie und Bryan, so kann er sich auf diese beiden eher einlassen. Eines Mitkonkurrenten hat er sich unfreiwillig entledigt, den anderen, Bryan, nimmt er hin. Sein sentimentales Bedürfnis, Carrie 'für sich' zu haben, ist kein realistisches. Der Ernüchterung darüber, er habe ihr – als Mann, als Partner – letztlich nichts zu bieten, das über die finanzielle Absicherung hinausginge, folgt, wenn nicht eine bewusste Einsicht, so doch die Bereitschaft, diese Situation anzunehmen und sich in ihr einigermaßen einzurichten.
Man kann sich fragen, ob es nicht zu plump ist, Carries und Bryans Absichten, die nie ganz klar werden, die uneindeutig bleiben – was gut ist! –, über eine angegebene Filmauswahl – „Eine Dame verschwindet“ und „Wie angelt man sich einen Millionär“ – zu konkretisieren, selbst wenn diese mit einem Augenzwinkern eingebracht sein sollte. Man schmunzelt zwar, hätte aber besser darauf verzichten wollen. Das aber nur als kleine Nörgelei.

Wenn nach Nabokov die Güte eines Leser u.a. ausmacht, dass er während des Lesens stets ein Wörterbuch bei sich liegen habe, so verlangt Begley weniger von seinem Leser. Seine Sprache ist verständlich, sie ist schlicht, fast schmucklos. Sie drängt sich nicht auf, will nicht bewundert werden, sie ist – wie es für amerikanische Literatur nicht untypisch ist – beinahe ausschließlich Darstellendes und weniger auch Dargestelltes. Nur selten – man braucht kaum eine Hand, sie zu zählen (was für etwa dreihundert Seiten verkraftbar ist) – tauchen Termini auf, deren Bedeutung sich vielleicht nicht zwingend aus dem Zusammenhang erschließen lässt. Er installiert auch nicht – anders als etwa Coetzee in „Schande“ – künstlich eine 'intellektuelle' Ebene ins Buch, dass ein Musik- oder Germanistikprofessor bitte auch sein Vergnügen habe. Er schränkt seine Leserschaft nicht ein durch philosophische oder kunstgeschichtliche Exkurse, wenn man von dem einen (kurzen) Versuch absieht, Mozarts „Don Giovanni“ zu instrumentalisieren (was er in „Mistlers Abschied“, wieder etwas zu aufdringlich, auch mit Thomas Manns „Tod in Venedig“ macht, wo es mir deshalb zu plakativ scheint, da das Bild: ein Sterbender geht nach Venedig – deutlich genug ist; wenn nicht ohnehin zu deutlich). Bei Coetzee, dessen Buch auch dort am stärksten ist, wo die schlichte aber konzentrierte Narration präsent ist und die angestrengte Essayistik verdrängt, sind die Ausführungen über Literatur und Oper der etwas zu bemühte, fast abgefeimte Versuch einer ganz dollen Mehrschichtigkeit. Davon lässt Begley glücklicherweise die Finger.
Er erzählt von einem – bestimmt nicht dummen, durchaus intelligenten, aber intellektuell auch nicht übermäßig und erschreckend talentierten – Pensionär und Witwer, von einem ehemaligen Sohn, der gern wieder mehr Vater wäre, ohne sich dabei aber aufgeben zu müssen (woran er scheitert), von einem einsamen Menschen, der seine Einsamkeit einerseits schätzt und ihr andererseits fliehen möchte, von einem Menschen also, der, das könnte einem ja bekannt vorkommen, in einem ständigen Spannungsverhältnis lebt, das sich in den Umständen seines Lebens kardinal ausdrückt. Er erzählt eine Geschichte, in der kein Mensch, nicht einmal Gil Blackman, der ständig seine Frau betrügt, ein bloß netter oder bloß ekliger ist, in der kein einziges Leben – vor allem nicht Schmidts – ein klares, abgeklärtes ist, sondern immer eines, das sich die (manchmal quälende) Erotik des Uneindeutigen bewahrt.

9.8.12 11:28, kommentieren